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Vermischtes zur Politik

with 5 comments

In Kürze ist Wahl. Weil also gerade Interesse am Thema besteht, hier ein paar Gedanken, die ich heutzutage zur Politik habe.

Notwendiges Vorwissen zum Verständnis ist das folgende Video. Ich nehme mal als gegeben an, dass ihr es kennt, wenn ihr darunter weiterlest.

Deine Stimme zählt nicht.

Als Individuum habe ich keine Macht. Meine Stimme, wird mir anhaltend von Außen gesagt, ist sehr wichtig und ich muss mitwählen. Das basiert aber auf folgender ein wenig ironischer Situation: Was zählt, sind die Leute, die einen dazu bringen, zu wählen. Nicht ich. Meine Meinung hat wenig mit der Meinung der Leute zu tun, in statistischen Erhebungen jede Art bin ich normalerweise in der Standardabweichung. Wichtig sind die Influencer, die viele Leute überzeugen, dass ihre Stimmen zählen.

Wenn man nicht selber Politiker ist, hat man drei Arten des Einflusses: Große Mengen an Wählerstimmen beeinflussen, Parteien Geld zukommen lassen, oder dein Eindruck erwecken, große Mengen an Wählerstimmen beinflussen zu können. Alles andere ist einer Partei als Entität egal. Sie kann andere Dinge überhaupt nicht wahrnehmen, sie hat kein Sensorium dafür.

Selbstzentrische Wähler

Wähler wählen generell, was sie selbst brauchen. Die Wähler der FDP sind sehr reich. Die Wähler der CDU sind alt und christlich. Leute wie ich, die im Namen von Anderen wählen, aufgrund ihrer moralischen Überzeugungen, sind eine vernachlässigbare Minderheit. Wenn man die Demografie von Deutschland vergleicht damit, wessen Interessen die Parteien vertreten, überschneiden sich die Ergebnisse. Deutschland hat viele Leute, denen es insgesamt gut geht und die alt sind. Entsprechende Parteien sind an der Macht.

Nichtwähler sind oft ärmer, ungebildeter und jünger – also Leute, die aus Eigeninteresse links wählen würden. Hier steht das Problem für Die Linke: Sie haben sich eine Zielgruppe gesucht, die den größten Anteil Nichtwähler haben. Wäre Die Linke erfolgreich und könnte alles durchsetzen was sie will, würden sie die Bevölkerungslage so verändern, dass die Leute es nicht mehr nötig hätten, Die Linke zu wählen.

Die Grünen haben genau das verstanden und unauffällig ihre Ziele angepasst – für die Leute, die genug Geld haben, dass sie sich um „unwichtige“ Probleme wie die Natur kümmern können anstatt darum, ob es übermorgen noch warmes essen geben kann – und die gerne weniger Steuern für den Zweitwagen bezahlen würden.

Proteste, Nichtwahl und Protestwahl

Wenn man Teil eines Straßenprotestes ist, kann man nach außen nur eine sehr indistinkte Nachricht schicken. Im bestfall „wir sind für X“, normalerweise „wir sind gegen Y“, oft auch nur „ÖÖÖÖÖÖHHH!!!!“ (je nach Gewaltniveau). Wenn man eine differenzierte Meinung zu einem Thema hat, kann man sie durch einen Protest praktisch nicht vermitteln. Ähnlich sieht es mit Nichtwahl oder Umentscheidung aus subtilen Gründen aus: Den Verantwortlichen ist nicht ersichtlich, ob man nur zu faul war, ob man dem Özdemir die Stimme nicht gönnt weil er das eine mal dingens gesagt hat, oder sonstwas.

Eine neue, aufstrebende Partei zu wählen ist verglichen damit effektiv: Wenn die Piraten oder die AfD voraussichtlich 15% bekommen, ist ersichtlich, welche Interessen in der Bevölkerung dazu geführt haben. Eine kluge Machtwillige Partei neigt dann dazu, ihre eigene Position in diese Richtung zu verschieben, um die Wähler der neuen Partei zu absorbieren. In der Praxis haben wir das beim Thema Ausländer in den letzten Jahren gesehen – hätte die Regierung nicht den aktuellen Menschenverachtungskurs eingeschlagen, wären wir vermutlich bei 20% AfD (die dann, natürlich, den Menschenverachtungskurs eingeschlagen hätten).

Tatsächlich gewählt werden ist dann aber relativ sinnlos, wenn sich die Kernparteien schon umgewandt haben. Als frische Oppositionspartei kriegt man nichts durch, wird für die ersten 30 Jahre als Koalitionsunfähig angesehen. Aus policy-Sicht schwächt man durch das Gewählt werden vor allem die eigene Seite des Links-Rechts-Spektrums. (Wir sind ja die letzten Jahrzehnte sehr vorrangig CDU-regiert worden, weil es 3 Parteien links der mitte gibt, aber nur 2 rechts davon.)

Zwangs-Nichtwähler

Es ist aktuell manchmal die Rede von Zwangs-Nichtwählern wie dieser Dame. Ihre Lage klingt nach einem recht ernsten Fall, den man doch einfach mal so ändern könnte. Aber: Politiker mögen es, ganze Gruppen demografisch ähnlicher Leute auszuschließen. Gerade die beiden Großparteien haben sehr wenig Grund, an der Situation etwas zu ändern – am Ende wählen die ganzen Türken da auch noch wen anderes als CDU/SPD! Dies ist unsere Variante von Gerrymandering. Je weniger Wahlertypen desto leichter fällt es, die Zielgruppe zu definieren und zu überzeugen.

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Written by vetaro

18. September 2017 um 2:53 pm

Veröffentlicht in Uncategorized

5 Antworten

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  1. Danke. Ich habe im Wesentlichen zwei Fragen:
    „Wähler wählen generell, was sie selbst brauchen.“
    Was führt dich zu der Erkenntnis?

    Und denkst du, es würde sich lohnen, mehr zu differenzieren zwischen „was sie selbst brauchen“ und „was sie glauben, selbst zu brauchen“?
    Mir fehlt das nämlich in deiner Argumentation, und ich glaube, es würde mehr Spielraum bringen und also einen erheblichen Unterschied machen.

    Muriel

    18. September 2017 at 3:00 pm

  2. Klar, das ist detail-Unterscheidung die ich rausgelassen habe. Z.B. wählen in Amerika ungefähr 35% der Bevölkerung die Partei gegen Reichensteuern und für Armen-Unterdrückung, weil es ja nur noch *wochen* dauern kann, bis sie selber 500 000$ im Monat einnehmen. Wie John Oliver sagte: „This system is rigged. Which is why it’s gonna be SO DOPE WHEN I’M ONTOP BABY!“

    Ich dachte, ich hätte auch recht deutlich erklärt warum ich glaube, dass die Leute selbstsüchtig wählen: Weil man an Alter/Schicht recht gut vorhersagen kann, ob einer Rechts/Links wählt (statistisch, nicht pro individuum). Wenn die das wählen aus moralischen Gründen motivieren würden, wär ja die Verteilung ne ganz andere.

    vetaro

    18. September 2017 at 8:02 pm

  3. hm, vetaro. bei mir fängt die fragerei schon vorher an. wie definierst du macht? und, wenn das beantwortet wurde, haben wirklich „die parteien“ macht? oder doch wer anders? „wähler wählen das, was sie brauchen“ ist auch eine kühne these. was ist brauchen? dann gehst du, was mir gefällt, davon aus, dass die linke gut für die armen sind. sag das mal nem venezolaner. ich glaube, die leute wissen überhaupt nicht, was sie brauchen, die meisten brauchen k1 auto, sie brauchen liebe. wissen die aber nicht.

    onkelmaike

    18. September 2017 at 9:01 pm

  4. Ich benutze diese Worte vor allem als grundlegende Platzhalter, in der simpelsten Bedeutung. Mit Macht meine ich jetzt nur die Fähigkeit, legislation zu beeinflussen. „An der Macht“ sind die Parteien, die am meisten % haben und daher die besten chancen haben, ihre Gesetzesideen durchzukriegen (was ja nunmal faktisch der Fall ist).

    Mit „was man braucht“ meine ich vor allem: Geld in jeder form (das ist Rules for Rulers-logik) – Ob einem jetzt direkt cash gegeben wird, Steuern für einen gesenkt werden, öffentliche Güter produziert werden die man benutzt (Ubahn, Krankenhausreparatur, Jugendzentrum, Services) – das ist alles „Geld“, was die Regierung einem gibt.

    Wenn man also unterschicht ist, „braucht“ man (insgesamt, nicht individuell) billigen Transport zur Arbeit, ne Arbeit die einem genug Geld gibt und mit Bedingungen, die einen nicht krank machen und generell ein bisschen Lebensqualität. Wenn man FDP-Wähler-reich ist, braucht man vor allem dass der Steuersatz gering genug ist, damit man genug direktes Geld hat (weil für die anderen Dinge ja gesorgt ist).

    Nicht alles ist links oder rechts, manches ist auch einfach schlecht gemacht. Venezuela z.B. ist nicht am Arsch weil die sozialismus haben, sondern weil da einer schlechte ökonomie angewandt hat (see also: http://www.npr.org/sections/money/2016/10/21/498867764/episode-731-how-venezuela-imploded )

    Und Liebe: Klar brauchen Leute das, eigentlich (nachdem Essen+Wohnen und so’n Grundzeug geklärt ist, Bedürfnispyramide und so), aber mir fällt jetzt gerade kein set an politischen Änderungen ein, das dazu helfen kann, dass die Gesamtmenge der Liebe sich erhöht.

    vetaro

    18. September 2017 at 10:09 pm

  5. oh, danke für die klärung, dann lese ich mir das mit der lesehilfe noch mal durch.

    onkelmaike

    18. September 2017 at 10:18 pm


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