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Kleine Diskussion über Hochbegabung

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Es ist kein Geheimnis (aber recht tief in diesem Blog vergraben), dass ich mal als deutlich hochbegabt getestet wurde. Was das meiner Meinung nach heißt und so mit sich bringt, kann ich gerne mal hier diskutieren.

Ich bin natürlich kein Experte für das Thema – ich habe nur durch meine Schulerfahrung deutlich mehr bestätigt Hochbegabte getroffen und lange um mich gehabt als die meisten Menschen und glaube, dass mein Klug-Radar so gut ausgeprägt ist wie mein Gaydar (man muss beides nicht sein, um einen zu haben).

Der Definition nach sind Hochbegabte solche Leute, die einen IQ von über 130 haben (Durchschnitt: 100. Über 145 kann man oft nicht mehr sinnvoll messen). Man kann man das auch umgedreht formulieren: Hochbegabung heißt vor allem, dass man gut dafür geeignet ist, die Sorten von Aufgaben zu lösen, die in IQ-Tests vorkommen. Meiner anekdotischen Erfahrung nach sind alle mir bekannten Hochis schnell von Begriff – die Zeit, die jemand braucht, um eine Aufgabe zu erklären, fühlt sich mir oft viel zu langsam an. Das umstellen auf neue mentale Gänge scheint leichter zu fallen. Wir sind oft ziemlich sensibel (z.B. für Lärm, milde Berührungen, oft persönlichen Stress). Aber abgesehen davon sind wir alle normal (in dem Sinne, dass Eigenschaften bei uns normalverteilt sind, z.B. Introversion, soziale Fähigkeiten). Bestimmte Tests messen auch die Begabung in spezifischen Bereichen wie Sprachlicher, Mathematischer, Musikalischer Intelligenz. Persönlich lagen meine höchsten Werte bei räumlicher Intelligenz, was in meinem Leben hilfreich für Videospiele und sonst nicht viel ist.

Man sollte das alles aber mit sehr behutsamen Fingern anfassen: Das ganze System ist ein sehr wackeliges Modell, das ähnlich wie Freuds Behauptung über Ich, Es und Über-Ich nachvollziehbar ist aber vermutlich nur wenig mit dem zu tun hat, wie Menschen wirklich funktionieren. IQ ist keine Konstante, sondern sehr abhängig davon, wann man geboren wurde und welcher kulturellen Gruppe man angehört. Es gibt keine universalen Tests. Einer der Gründe, warum Tests vor allem mit Kindern durchgeführt werden ist, dass nur bei denen relativ sicher ist, dass sie die Aufgabentypen der Tests noch nie gesehen haben und spontan lernen müssen, sich an sie anzupassen. Wenn man einen „übersetzten“ Test macht, der für ein anderes Land gedacht ist, erzielt man üblicherweise schlechtere Ergebnisse (lange Zeit wurden schwarze Amerikaner als dümmer eingeschätzt, weil die Tests einfach nicht für sie geeignet waren). IQ ist kein echtes Phänomen, das es wirklich gibt (so wie die Messeinheit Ohm) sondern eher so, als wollte man Evolution mit einer Ziffer erklären, die an jedes Tier geschrieben wird. Es ist eine Bemühung, komplizite(sic!), für Menschen fast ungreifbare Prozesse auf eine Zahl zu reduzieren, um sie irgendwie vorstellbar zu machen. Wir wissen, dass es mehr oder weniger kluge Leute und Evolution gibt, wir können auch einzelne Aspekte gut beschreiben, aber zur Wahrheitsfindung ist es nicht so hilfreich, ein Individuum mit einer einzelnen Zahl (oder von mir aus ein paar mehr) zu definieren.

Es gibt aber einen Bereich, in dem IQ und Hochbegabung meiner Meinung nach hilfreich sind: Zur Diagnose anderer Dinge wenn man Psychologe ist. Zum Beispiel testet ein ordentlicher Lese-Rechtschreib-Schwäche-Test nicht nur, ob ein Kind schlecht Lesen oder Rechtschreiben kann – sondern auch, ob es nicht möglicherweise einfach dumm ist, was ja sein kann. Es kann in anderen Fällen aufschlussreich sein, wenn jemand eigentlich sehr gut Probleme lösen kann, das aber sonst nie durchkommt, weil andere Probleme es überdecken.
Als bei mir offiziell Hochbegabung bescheinigt wurde, hat meine Mutter geweint, weil sie vorhersehen konnte, was ich erst mal für einen Stress vor mir haben würde. Weil das, was mein Leben bis dahin schon anstrengend machte, jetzt einen Namen hatte. Für sie war es mehr eine Diagnose eines mindestens die Schulzeit andauernden Problems als eine Auszeichnung. Sie hatte übrigens völlig recht, das ist aber eine andere Geschichte. Eltern, die stolz von ihren bestimmt hochbegabten Kindern erzählen, bilden sich da im großen und ganzen was ein.

Im persönlichen, individuellen Leben hat es glaube ich wenig Einfluss. Klar, ich fühle mich gerne professoral, lerne gerne neue Dinge und weiß gerne Sachen. Das trifft aber auch auf meine Mutter zu, die Tests zufolge nicht hochbegabt ist. Ich habe offensichtlich fast nur Nerd-Hobbies und umgebe mich mit Nerds – aber das tun meine Freunde auch, und die sind auch nicht alle voll kluk. Meine Schulperformance war lange eher unter- als überdurchschnittlich und hat sich irgendwann eingependelt. Ich bin mit einem 2,1-Zeugnis von der Schule gegangen, weil ich nie Hausaufgaben gemacht habe und für das Abitur ziemlich exakt 20 Minuten geübt habe. Ich werde auch keinen Job für besonders kluge Leute haben. Die Dinge, die Schulen und Arbeitsstellen (sogar als Wissenschaftler) fordern, haben oft mehr mit gewissenhafter Arbeit, Hausaufgaben machen und genauem Befolgen von Arbeitsanweisungen zu tun und nur wenig mit überdurchschnittlicher Intelligenz.

Sogar Mathematik: Klar, in diesem Fach ist es am allerdeutlichsten, wenn man extrem clever darin ist (was ich nicht bin). Aber jeder Mensch, der nicht diagnostizierbar dumm ist, kann Mathe gut genug, um durch die Schule zu kommen. Meiner Meinung nach ist das Hindernis, das praktisch alle Leute haben, die nicht gut in Mathe sind: Dass sie überzeugt sind, es nicht zu sein. Der Reflex „Ich kann das nicht“ und das Ausstellen des Gehirns beim Anblick von Gleichungen sind es, was Leute vom Rechnen abhalten – nicht, dass ihr Gehirn grundsätzlich nicht dazu in der Lage ist. Das ist es nämlich. Ich verstehe, dass das Fach spätestens in der Oberstufe in abstrakte und abschreckende Bereiche abgleitet, aber auch all das kann man als 95-IQ-Person können. Wie sehr man selbst an seine Fähigkeiten glaubt (und wie sehr man von der Lehrkraft abgeschreckt ist) ist da schon eher der Hauptfaktor. Falls du, meine LeserIn, aktuell noch in der Schule bist, mit deiner MathelererIn nicht zurecht kommst und deshalb überlegst, einfach schlecht zu sein: Das bestätigt die nur in ihrer Ansicht. Viel schöner ist es, gut zu sein und dann zu sagen, dass man es trotz, nicht wegen ihr geschafft hat.

Ich fühle mich immer schlecht, wenn ich das mit der Hochbegabung erwähne, weil es wie angeben klingen muss. So wie „Woran erkennt man einen Veganer? Unnötig, er hat dir bereits davon erzählt.“ Aber ich hoffe, ich habe jetzt klar genug gemacht, dass ich das selber nicht so meine. Hochbegabte sind nicht die „Next“ aus Pratchett/Baxter’s Long Earth-Büchern. Wir sind Leute mit ’ner psychologischen Diagnose, die nur zufällig positiv belegt ist.

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Written by vetaro

30. November 2016 um 1:32 am

Veröffentlicht in Uncategorized

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