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Am Rand sitzen und zugucken

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Ich habe ehrlich gesagt kein besonderes Interesse an der Realität.

Früher dachte ich immer, es hört bestimmt eines Tages auf, wenn ich erwachsen geworden bin. Aber dann wurde mir klar, dass Erwachsensein heutzutage größtenteils zwei Dinge bedeutet: Dass man weiß, wie man sich alle praktischen Probleme ergooglet – und sich benimmt wie jemand, der ein Recht darauf hat, gerade hier anwesend zu sein, und weiß, was zu tun ist (idealerweise, weil man es wirklich weiß, weil man es vorher gegooglet hat). Meine Persönlichkeit hat sich im Großen und Ganzen in den letzten zehn Jahren nicht besonders verändert – ich bin mir sicherer, so zu sein wie ich bin, aber das ist schon alles.

Lasst mich jetzt kurz klarstellen, was ich meine – ich komme natürlich mit der Realität klar und erfülle die typischen Eigenschaften, die heutzutage einen Erwachsenen definieren. Ich arbeite seit mitlerweile vier Jahren in echten Jobs, bei denen ich richtiges Geld verdiene und anscheinend gut bin. Ich bin beziehungsfähig und autonom und helfe jungen Menschen dabei, das auch zu werden. Ich bin interessiert an Wissenschaft und Design und so weiter. In allen äußeren Hinsichten gehe ich sicher als normaler und interessierter Mensch durch, wenn man mich trifft.

Aber die Welt interessiert mich so wenig. Ich habe schon vor Jahren alle fucks verbraucht, die ich abgeben könnte. Ich gehe stoisch damit um, einen Alltag zu haben, aber er beschäftigt mich nicht, und ich möchte auch niemandem davon erzählen, weil ich ihn für zu uninteressant halte – deshalb gibt es hier auch praktisch keine Alltags-posts oder „Dinge, die mir letztens passiert sind“-posts. Nicht, weil ich mir ein Themenlimit gesetzt habe, sondern weil alle typischen Klatschthemen mich nicht berühren, im Gegensatz zu dem, was ich hier üblicherweise schreibe.

Ich bin schon in Konflikte mit meiner besten Freundin geraten, weil ich nichts dazu zu sagen habe, wie ihr Tag abgelaufen ist, und von meinem nichts zu erzählen habe. Weil, wenn nicht etwas wirklich signifikantes passiert, jedes kleine Ärgernis oder Überraschung, die einem halt so passieren, in mir hervorruft „Naja, ist schon in Ordnung, is‘ ja nix passiert.“ Was für sie eine der wichtigsten Arten ist, sich mit Freunden auszutauschen, ist für mich derart Bedeutungslos, dass ich nicht mal interesse faken könnte, wenn ich wollte.

Ich zweifle seit über zehn Jahren daran, ob ich wirklich Teil der Menschheit bin, auf einem mehr als biologischen Niveau, und kann nicht sagen, dass ich da zu einem klaren „natürlich“ gefunden habe. Ich kann über Fiktion mit Menschen Beziehungen aufbauen, über Wissen und Kompetenzen reden. Aber persönliche menschliche Empfindungen haben für mich irgendwie keine Überraschungen mehr parat, und entsprechend ungeeignet bin ich vermutlich als Gesprächspartner darüber.

Alles, was ich hier schreibe, klingt auch für mich während ich es schreibe viel autistischer (in der tatsächlichen Bedeutung des Wortes, nicht der Internet-Beleidigungs-Bedeutung) als mich Andere einschätzen würden. Vermutlich ist es drastischer formuliert, als es wirklich der Fall ist. Aber andererseits kenne ich niemanden außer mir, der Körpersprache gelernt hat, indem er mit 11 ein Buch darüber gekauft und gelesen hat.

Ich nutze seit mitlerweile 15 Jahren einen Vogelgreif als Avatar und Identifikationsfigur, weil mir die Metapher so gut gefällt. Weil ich mich als jemanden sehe, der am Rand auf einer erhöhten Position sitzt und zuschaut. Und vielleicht, wenn sich eine geeignete Situation zeigt, herunterstürzt und kurz zuschlägt. Kein nahbares Tier, kein weithin bekanntes Tier. Und kein Tier, das in der echten Welt wirklich lebensfähig wäre.

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Written by vetaro

30. Oktober 2016 um 4:57 am

Veröffentlicht in Uncategorized

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