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Die Geschichte vom Besiegen der Bösen.

with one comment

Ich lehne mich wohl nicht zu weit aus dem Fenster mit der Behauptung, dass ein Großteil der Leute, die heutzutage in Deutschland so rumlaufen und mit mir reden Pazifisten sind. Dass wir generell (wenn auch nicht spezifisch) gegen Krieg sind, in direktem Konflikt Schlägereien für ne schlechte Idee halten und Schusswaffen für Jedermann auch eher kritisch gegenüber stehen. Aber eine Sache gibt es, die im Großen und Ganzen irgendwie noch keinen Widerspruch erfährt. Und das ist die Narrative in unserer Phantastik vom Bösen, der besiegt werden muss.

Diese Narrative besagt zusammengefasst, dass es da draußen ein Wesen oder eine Gruppe gibt, mit denen man nicht verhandeln kann, und die ausschließlich durch Konfrontation gestoppt werden können. Entweder, weil sie nicht reden wollen oder können, weil sie zu überzeugt sind, oder sie einen grundsätzlich nicht verstehen könnten. Und mit Konfrontation meine ich, sie zu besiegen im Kampf, gefangennehmen oder töten.

Ich rede hier übrigens wirklich nur von der Fiktion, in der die Welt deutlich unterschiedlich ist von unserer – natürlich denke ich hier gar nicht an Amélie, Huckleberry Finn oder The Martian, sondern nur an solche Werke, wo ein potenzieller Gegner auch in der Geschichte existiert. In denen es ein  soziologisches „Other“ gibt. Die Frage ist, wie mit ihnen umgegangen wird.

Hier nur ein paar der großen Geschichten, in denen das so geht: Der Herr der Ringe. Harry Potter. Star Wars. Dragon Ball Z. Warcraft. Halo. Zombies aller Art. Star Trek Borg. Man kann mit Sauron oder der Flood nicht reden. Man kann sie nur in einer Endschlacht vernichten. Nicht mal mit Voldemort kann man die Sache klären, obwohl er ja Vernunftbegabt ist. Der Mann ist einfach so grundlegend böse, dass er sogar das Wetter schlecht macht, wenn er an die Macht kommt.

Ich halte den Feind, mit dem man nicht verhandeln kann, für ein interessantes Konzept. Praktisch alle Horror-Ideen folgen diesem Konzept, fast alle Probleme in Kafkas Geschichten laufen darauf hinaus. Die Regierung in 1984 ist so ein Feind. In diesen Kontexten existiert aber oft keine Lösung. Das ist jetzt so, und man muss damit leben. Hier werden die Protagonisten in eine interessante Stellung manövriert.

Das Problem kommt für mich an der Stelle hinein, wo die Geschichte so geschrieben wird, dass man die Gegner jetzt besiegen muss. Ist es dringend nötig, dass praktisch alle unsere Fiktion so funktioniert? Und ich meine damit natürlich nicht, dass die Leute sich mal mit den Zombies zusammensetzen und ein Teechen trinken sollen, oder dass man vielleicht mit Voldemort doch noch was hätte klären können.

Ich meine: Warum halten wir es für so notwendig, dass alle Geschichten, die spannend sind, so verlaufen sollen? Ich sehe bereits den Leser vor mir, der sagt „Ja aber wenn die Marvel-Filme nicht damit enden, dass man den Gegner ordentlich weghaut, schaut sich das doch keiner an.“ Erstmal: Natürlich will ich ja nicht, dass die identische Geschichte erzählt wird, nur ohne Action am ende. Ich will nicht mal, dass die Action grundsätzlich entfernt wird. Ich will nur nicht, dass sie als einzige Lösung des Konfliktes zwischen den Parteien dargestellt wird. Ich glaube, die Strohmänner, die so denken, reden sich da was ein.
Lasst mich also ein paar Gegenbeispiele nennen. Seit mir diese Narrative bewusst ist, merke ich auch, dass ich schon immer die Gegenbeispiele mochte. Bei Pratchett geht es schon seit den frühsten Werken darum, dass man den Gegner nicht einfach besiegen kann, bis er aufhört. Speziell in Geschichten der Wache ist es deutlich, und zwar immer mehr, je weiter die Reihe fortschreitet – am Meisten in den letzten beiden Romanen. Undertale handelt letztendlich davon, dass die klassische RPG-Geschichte „Held zieht los und besiegt alle Monster“ völliger Unsinn ist, und man sich mal überlegen sollte, wo das hinführt. Steven Universe wäre praktisch Dragon Ball Z, wenn nicht Steven da wäre, der allen Beteiligten (auch seinen Freunden) durch seine Offenheit und Bereitschaft, in allen das Gute zu sehen, klarmacht dass diese Geschichte nicht mit der Vernichtung einer Fraktion enden kann.

Wir sind uns heutzutage ziemlich im Klaren darüber, dass es nicht möglich oder sinnvoll ist, einen Gegner so lange zu töten, bis keiner mehr von ihnen übrig ist, oder er aufhört. Spätestens mit dem 1. Weltkrieg ist die Zeit vorbei, in der sich Gegner auf einem Schlachtfeld geordnet trafen, eine Seite gewann, alle es mit Fassung nahmen und der Sieger jetzt halt Chef war. Wir hatten in der Geschichte sogar einen großangelegten, industrialisierten, viele Jahre dauernden Drang, um eine wirklich nicht so große Minderheit auszulöschen, die nicht mal Wehrhaft war, und nicht mal in diesem Fall hatten die „Erfolg“. Wir werden niemals islamistische Terroristen besiegen, indem wir alle töten, und andersrum ebenso nicht.

Aber in unserer Fiktion tobt dieser Gedanke noch immer, diese Machtfantasie. Wenn man nur dieses eine Artefakt hat, wenn man nur den Typen findet, der badass genug ist. Und natürlich ist es okay, die zu vernichten, weil das ja die Bösen sind, mit denen man nicht verhandeln kann. Wir haben’s doch versucht, aber es sind halt Todesser! Die haben einen Totenkopf als Symbol, ich mein Hallo!

Nein. It’s time to stop.

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Written by vetaro

14. Oktober 2016 um 9:54 pm

Veröffentlicht in Uncategorized

Eine Antwort

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  1. Also, ich bin im Prinzip natürlich bei dir (und denke gerade nach und bin ein bisschen zufrieden, dass ich nach meiner Erinnerung noch keine solche Geschichte geschrieben habe), aber ich glaube, deine Definition von Pazifismus ist weiter, als ich noch akzeptieren würde.

    Muriel

    14. Oktober 2016 at 10:30 pm


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