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Professor Laytons einsames gutes Spiel

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Nachdem ich letztens alle Layton-Spiele völlig zerstört habe, möchte ich jetzt auch Professor Layton vs Phoenix Wright besprechen, den vermutlich letzten Titel in der Reihe – und dieser ist ausnahmsweise sehr gut.

Im Gegensatz zu praktisch allen „Spielreihe vs. Ähnliche Spielreihe“-Titeln haben sie es geschafft, beide praktisch gleichberechtigt einzubauen, anstatt einfach einen Titel des einen Spiels zu machen, in dem ein paar Charaktere des Anderen vorkommen (Negativbeispiele: Tekken vs. Street Fighter, Tokyo Mirage Sessions). Ungefähr 50% des Gameplays sind Layton, ungefähr 50% sind Wright. Da ich noch keinen normalen Phoenix Wright gespielt habe, kann ich dessen Qualität nicht mit normalen Titeln vergleichen, aber: Nach dem ersten Fall, der unangemessen kompliziert und unklar ist, wurden mir die Gerichtsfälle die liebsten Teile des spiels. Es gibt immer mal anstrengende Momente, wo man weiß was los ist, das Spiel es aber schwer macht, dieses Wissen anzuwenden, weil es z.B. 3 Aussagen über das selbe Thema gibt und man mehr mit der Engine kämpft, die richtige Aussage zu finden, als man rätselt. Diese Momente sind aber eine Minderheit.

Die Layton-Teile sind hingegen alle besonders gut und erfüllen praktisch alle Anforderungen, die sich bei mir in den letzten sechs Titeln angesammelt hatten und einfach nie eingeführt wurden: Es gibt praktisch nur kreative Rätsel, sehr wenig Wiederholungen von einem Rätseltyp, fast keine, an denen man einfach hilflos hängen bleiben kann. Man darf Rätsel einfach links liegen lassen um pur die Story zu spielen und kann sie dann später alle auf einem Haufen ohne Unterbrechung lösen. Man kann von jedem Stück der Karte überall hin reisen, anstatt Feld-für-Feld durch die Stadt zu trotten, was sich in allen vorigen Titeln geradezu anstrengend anfühlte. Allerdings ist es auch kaum mehr wichtig, denn das ganze Backtracking wurde praktisch entfernt. Die Charaktere verschwenden ihre Zeit kaum mehr mit sinnlosem Scheiß. Und durch die Aussenperspektive der Wright-Charaktere erscheint Layton selbst viel angemessener und kompetenter.

Das Setting ist einfach sehr gut für den Titel geeignet – ein Fantasy-Mittelalter-Dorf, in dem es wirklich Hexen gibt und daher auch Hexenprozesse. Beide Hauptcharaktere profitieren für mich sehr von dem völlig mit ihnen kontrastierenden Hintergrund.

Dringend zu erwähnen ist das extreme Animu-Gehabe während Wright-Dialogen. Es ist sehr gewöhnungsbedürftig. Ich rekreiere das hier mal kurz aus dem Gedächtnis in Textform:

„Phoenix, erinnerst du dich? Du kannst die Prozessakte anschauen.“
!!! DAS HABE ICH VÖLLIG VERGESSEN !!! [Nimmt kritischen Schaden, taumelt]“
„[Wutverzerrt] Und ich bin deine Assistentin?!!“
„[Nachdenklich] Ich sollte vielleicht wirklich in die Prozessakte schauen. [Erkenntnis-Sound]“
„[Absolut enthusiastisch] Stimmt !!! Die Prozessakte!“  (Hier in Videoform)

Ich bin ausserdem sehr froh, dass ich keine Ahnung von Gerichtsprozessen habe, denn ich glaube mit mehr Wissen darüber würde es viel schwerer, die Fälle zu genießen – die Ace-Attourney-Spiele featuren, wie sicherlich allen Lesern bekannt ist, mehr Fingerpointing und OBJECTION!s als in 50 Shades of Grey die „Innere Göttin“ erwähnt wird. Und der Anlass für OBJECTION! scheint zu sein „Ich möchte dem Verteidiger/Staatsanwalt spontan das Wort entziehen, um einfach irgendwas zu sagen“, weshalb beide sich oft fünfmal in Folge gegenseitig an-OBJECTION!-en, um jeweils einen Satz zu formulieren. Der erste Gerichtsfall spielt übrigens in Laytons England, und ich bin sehr enttäuscht, dass die Macher das nicht zum Anlass genommen haben, den Richter nach der ersten OBJECTION! Phoenix zurecht weisen zu lassen, dass man hier nicht in Amerika sei und es in europäischen Gerichten sowas nicht gäbe.

Aber insgesamt ist Professor Layton vs. Phoenix Wright das erste Spiel in der gesamten Reihe, das ich zum puren Spaß an dem Titel selber empfehlen würde, nicht mit einer ebene ironischer Distanz. Ich hatte wirklichen Spaß an dem Gameplay, anstatt konstant von Design- und Logikfehlern aus der Bahn geworfen zu werden.  Nur der Vollständigkeit halber füge ich jetzt aber noch den Spoilerteil an, in dem ich über die letzten Minuten des Spiels rede, die alle vorhergegangenen Fälle auflösen und so.

Spoilerteil: Also. Das Setting des Spiels ist diese von unpassierbaren Mauern umringte Fantasy-Stadt mit Rittern und echten Hexen, die sich in der Bevölkerung verstecken. Die Hexenprozesse werden geführt, um für schuldig befundene als Hexen zu verbrennen (sowohl die Tat als auch das reine Hexe-sein-aber-nichts-getan-haben genügen dafür). Layton und Wright werden in diesen Ort hinein gesogen, der in einem Märchenbuch existiert.

Nun stellt sich aber am Ende des Spiels heraus: Dieser Ort ist keine parallele Welt, sondern existiert physisch in der echten Welt. Er ist gebaut auf einem großen Grundstück, das dem Chef der Stadt gehört und von normalen Leuten nicht betreten wird. Alle Bewohner sind normale Leute, die mithilfe von Amnestischen Mitteln ihre Vergangenheit gelöscht und ersetzt bekommen haben. Es gibt keine Magie, sondern das Grundwasser hier bewirkt, dass Leute die es trinken kurz Bewusstlos werden, wenn sie silberne Glocken hören. Allen „Hexen“ folgen zu jedem Zeitpunkt eine Handvoll Komparsen in (auf Wissenschaft basierenden) Unsichtbarkeitsmänteln, die wenn eine Hexe zaubert eine Silberglocke schlagen und dann mithilfe von Chemie und so den Zauber-Effekt simulieren, so als ob er wirklich passieren würde. Die Hexen wissen nicht bescheid. Diese Komparsen werden auch mithilfe des Amnestischen Mittels gefügig gehalten und haben ihre Identität praktisch völlig verloren.

All dies wurde vom Besitzer der Stadt eingefädelt, weil seine Tochter mit 6 Jahren ein Feuer erlebt hat, und wegen einer Hexenstory, die er ihr erzählt hatte, traumatisiert wurde und glaubte, sie wäre die Verantwortliche. Er baute also diese Stadt, um ihr Geschichten zu zeigen, in denen Hexen für ihre Taten bestraft werden und in denen die Tochter selber keine Hexe ist. Anstatt, wie jeder normale Mensch, zu einem fucking psychologen zu gehen, gab er also sicherlich mehrere Milliarden Geld aus, verletzte das Persönlichkeitsrecht von hunderten, vermutlich tausenden von Leuten auf die dramatischste Weise die ohne physische Gewalt vermutlich überhaupt möglich ist, ermöglichte Folter, unter der Menschen glaubten, sie würden jetzt gleich zu Tode verbrannt.

Das alles ist möglicherweise der intensivste Fall der Layton-Tropes „Die Erklärung ist viel unglaubwürdiger als die Prämisse“ und „Der Plan des Bösen ist vollkommen ungeeignet, um sein eigentliches Ziel zu erfüllen“ in allen Spielen. All die ungeklärten Fragen, die das offen lässt, will ich da gar nicht erst erwähnen, unter anderem wie die Hexen all das hier machen konnten wenn es keine Magie gibt, oder warum die Antagonistin das Mädchen sowohl in ein britisches Gefängnis stecken lassen wollte als auch sie wieder in die Stadt zurück-zuentführen.

Diese Sorte von Ende hatte ich zwar erwartet, weil ich Layton ja jetzt gewöhnt bin, und für mich entwertet es auch nicht den rest dies Spiels, aber fuckin’ell. Noch mehr bullshitten kann man ja kaum mehr.

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Written by vetaro

6. August 2016 um 9:20 pm

Veröffentlicht in Uncategorized

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