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The Magicians

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Es ist ganz leicht, Lev Grossmans Buch The Magicians mit Harry Potter und Narnia zu vergleichen. Aber eigentlich dachte ich beim Lesen immer an etwas anderes: In wahrheit sind die Guten bestimmt die Bösen, stimmts?!

Ehrlich gesagt habe ich The Magicians schon vor einem Jahr gelesen, als John Green darüber sprach. Eigentlich ist ein Großteil der Bücher, die ich seitdem gelesen habe, indirekt oder direkt von dieser Empfehlungsliste inspiriert. Übrigens eine grandiose Empfehlungsliste und ein gutes Format.

Und ich wollte darüber schreiben, was ich dachte, hielt es aber zurück, weil es so reviewig war. Aber es beschäftigt mich bis heute, darum muss ich doch nochmal darüber sprechen.

Hier noch die übliche Spoilerwarnung: Bis zum Papageien werde ich nichts überraschendes oder Großes spoilern und mich allgemein halten. Je weiter unten wir im Text sind, desto mehr Spoilergefahr existiert.

In The Magicians geht’s also vorwiegend um einen Jungen, der auf eine Zaubererschule kommt. Sie ist auf ähnliche Weise getarnt wie Hogwarts und dauert ähnlich lang. Es handelt sich bei dem Buch aber um eine abgeschlossene Story – und er verlässt die Schule, bevor das Buch am Mittelpunkt angekommen ist, dann erst beginnen irgendwann richtige, Narnia-Artige Abenteuer.

Klingt bekannt? Ein bisschen. Ich musste zusätzlich konstant an Mage: The Ascension denken, das Rollenspiel, bei dem Zauberer in unserer Welt im Geheimen agieren und ihren eigenen Plänen nachgehen, wobei die Gefahren in Form von anderen Übernatürlichen Wesen wie Vampiren und der Technokratie stammen – aber auch ihrer eigenen Magie, die schwer und gefährlich ist. Je unrealistischer ein geplanter Zauber ist, desto größer die Gefahr, vom Paradox geradezu verschlungen zu werden. Viele Zauberschulen benötigen auch noch anstrengende Rituale – für einige Dinge, die ein Werwolf in einer Minute könnte, muss sich ein Magus ernsthaft selbst verletzen.

In The Magicians ist es ähnlich. Zauberei ist schwer, und sie funktioniert nicht hauptsächlich, weil man eine unerklärte Begabung hat, sondern weil alle Zauberer hochbegabt (im Sinn wie das Wort in der Realität benutzt wird) sind und sich all die Gesten, Worte, Deklinationen und Variationen mühevoll gemerkt haben. Zauberei ist keine freundliche Gabe, die sich den Menschen anbietet, sondern ein Vorgang, als würde man Frösche züchten, indem man ihren DNA-Code aufsagt.

Im Vergleich zu Harrys Schule ist diese Ernst und Dunkel. Das Erkunden der Zauberhaften Welt (die Eigenschaft, die Potter für mich eigentlich definiert) findet nicht statt. Es entsteht niemals der Eindruck, dass der Protagonist Auserwählt oder  überhaupt besonders geeignet ist, um  die Handlung zu tragen – er ist einfach, geradezu zufällig, derjenige um den es eben geht. Eine Sache, die von Anfang an in meinem Kopf steckte, ist folgende: Das sind bestimmt eigentlich die Bösen. Bestimmt stellt sich heraus, dass sie für einen Konflikt vorbereitet werden oder all diese fiesen Dinge auch in einer „guten“ Variante anderswo gelehrt werden.

Und hier ist die Stelle, an der es eure Schuld ist, wenn ihr weiterlest, ohne das Buch zu kennen. Sollt ihr es Lesen? Ich denke, wie ihr euch bei den Beschreibungen bis jetzt gefühlt habt, ist der beste Indikator, denn ich kann nichts kluges dazu sagen.

Jetz zum spoilerigen Teil. Das mit dem Evil-Twist? Passiert nie. Die Schule macht zwar eine ganze Reihe sehr heftiger Dinge – unter anderem werden die Schüler kommentarlos und gewaltsam in Gänse verwandelt und verbringen ein halbes Schuljahr in der Arktis, das damit beendet wird, dass sie nackt und nur mithilfe ihrer Magie eine gigantische Strecke zurücklegen müssen, um nach Hause zu gelangen. Am Ende ihrer Schulzeit, als Geschenk, pflanzt der Rektor ihnen einen Dämon in den Rücken, was genauso angenehm klingt wie es ist.

Aber wie sich herausstellt, hat die Schule keinen Plan. Es gibt keinen übermächtigen Bösen oder eine große Bedrohung, nicht einmal sie selbst. Ein Umstand, der den Protagonisten in eine tiefe Krise wirft. Der Mittelteil des Buches erscheint nicht nur realistisch sondern geradezu hyperrealistisch. Man kann Feuerbälle werfen und hat das Potenzial, zu enormer Macht in der Menschenwelt aufzusteigen. Aber was hat man davon?  Wie XKCD dazu sagt: „Well, I guess I spend the rest of my life pretending that didn’t happen or knowing that everyone I love suspects I’m crazy.“

Wenn „die ganze Zaubereigesellschaft enthüllen“ keine Option ist – und ehrlich gesagt, was verspricht man sich schon davon? Es würde nur zu Segregation, Feindseligkeiten und „Wir sind besser als Ihr“-streits führen, sogar im Potterverse – dann sind die eigenen Möglichkeiten sehr begrenzt. Die Zauberer entscheiden sich daher für puren Hedonismus als Lebensstil.

Und dann, eines Tages, erhalten sie die Gelegenheit, nach Narnia zu gehen. Sie bereiten sich angemessen vor… und gehen hin. (Im Buch heisst es natürlich nicht Narnia. Ich nutze hier einfach mal die Namen, die jeder kennt, weil es echt fast das gleiche ist)

An dieser Stelle verdient das Buch ein großes Lob. Die Charaktere bereiten sich nämlich vor, bedenken die Möglichkeiten, planen, was sie mitnehmen, und gehen geordnet hin. Ein sehr vorbildliches Vorgehen, das viele andere Geschichten verpassen!

Und dann erleben sie, letztendlich, einfach ein Abenteuer. Sie wandern durch die Welt, ein paar Tiermenschen schließen sich ihnen an, sie bekämpfen Monster auf eine übliche, Final-Fantasy-ige Weise. Und all das überrascht mich, denn auch hier hatte ich erwartet, dass das Buch diese Konzepte subversieren würde. Möglicherweise wäre die Narnia-Welt nicht so, wie sie erwartet wurde, zum Beispiel Leer oder nicht für Abenteuer geeignet.. Aber sie ist exakt so, wie die Menschen sie erwartet haben.

Vor allem: Niemand interessiert sich besonders dafür, dass sie eine Reihe Kreaturen abschlachten, weil man das halt so tut. Es gibt einfach Typen, die einen Kommentar- und Anlasslos töten wollen, und obwohl sie kurz darüber nachdenken müsen, dass sie hier gerade jemandem die Beine brechen und ihn dann zu Tode schnetzeln ohne ihm einen Gnadenstoß zu geben, kommt das nie zurück. Niemand spricht sie darauf an, dass sowas nicht okay ist. Es gibt keinen Backlash. Sie sind nicht die Bösen, obwohl sie es mühelos sein könnten.

Und dann irgendwann kommt das Ende des Buchs. Es gibt, leider, einen Endboss, der völlig unnötig ist und die Handlung nicht bereichert, und vermutlich soll sein Auftritt clever sein, weil er gechekov’d wurde. Er ist allerdings ziemlich egal und das Buch wäre auch ohne ihn zurecht gekommen. Nach einem Streit mit Aslan (der ähnlich abläuft, als ob ein Atheist auf Gott trifft und sagt „Problem of evil, junge. Was soll der scheiss?“) Die Handlung endet melancholisch und mit Blick auf den fernen Horizont.

Das ganze Buch springt inhaltlich und emotionale einige male hin und her. Einerseits erzählt es eine sehr straighte und vorhersehrbare magische Geschichte, die mich nur deshalb überraschte, weil ich dachte, der Autor würde etwas ausgefalleneres machen. Andererseits lässt sie die klassische, eskapistische Fiktion hart mit der Realität kollidieren und zeigt all die Probleme, die sicher entstehen würden, wenn das wirklich geschähe aber überall ausser in der World of Darkness ausgeblendet werden. Ich mag das Buch beinahe mehr für die Dinge, die ich mir ausdachte, dass sie geschehen könnten als für jene, die wirklich darin passierten.

Mein großes Aussengedächtnis, Chatprotokolle mit André, hilft mir ausserdem, mich nochmal daran zu erinnern, was ich vom Protagonisten halte. Quentin ist nicht nur Genreaware sondern letztendlich einfach nur ein Fan von der Sorte Geschichte, in der er selbst sich wiederfindet. Unterm strich ist alles, was er aus eigenem Antrieb tut, eine schlechte Idee. Einige Nebencharaktere sind sehr viel hilfreicher – eine Frau entscheidet sich sogar, eine Pistole nach Narnia zu bringenDas ist die Art von Cleverness, die eine Medaille verdient.

Quentin ist latent depressiv und weinerlich. In Harry Potter wäre er nicht einmal Ron sondern eher Neville Longbottom wie er im ersten Buch erscheint. Sogar das Buch stimmt zu, dass er einfach ein schreckliches Arschloch und eine unliebenswerte Person ist. Recht früh im Buch betrügt er seine Freundin (die eine reale, coole Hermione ist), weil er einfach scheiße ist. Dann spricht er sechs Monate lang nicht mehr mit ihr. Und als sie endlich mit jemand anderem Sex hat, gibt er ihr dafür die Schuld und trägt es ihr endlos nach. Am Höhepunkt der Handlung legt er sich einfach hin und will nicht zuschauen.

Eigentlich ist es auch egal, dass die Menschen Zauberer sind. Wenigstens für den Abschluss des Buches. Sie siegen nicht, weil sie herumzaubern, sondern weil sie sich an eine früh im Buch erwähnte mythische Sache erinnern. Abgesehen davon, dass es einmal genannt wurde, ist es aber einfach sehr ausm Arsch gezogen.

Ich kann einfach nicht sagen, ob ich The Magicians gut oder schlecht fand, ob ich es empfehlen möchte oder davon abraten will. Ich glaube, das ist zur Genüge klar geworden. Ich weiß nicht, für wen das Buch besonders gut geeignet ist. Aber es ist zweifellos ein Erlebnis gewesen, es zu lesen – und nur selten habe ich so sehr in Erinnerung, was mich an einem Buch beschäftigte, wie hier. Oh, und es gibt eine Fortsetzung namens The Magician King.

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Written by vetaro

30. November 2013 um 4:22 pm

Veröffentlicht in Uncategorized

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2 Antworten

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  1. […] wäre, wenn jemand die Zauberergesellschaft aufdecken würde? Ich habe das in meiner Besprechung von The Magicians mal angedeutet: Würde jemand die Maskerade endgültig brechen, gäbe es eine ganze Menge Probleme, […]

  2. […] Magician’s Land”. Nur ab 18+ geeignet. Längerer Eintrag zum Thema Magicians hier verfügbar. Verschiedene Gedanken zu Harry Potter […]

    Zum Kennenlernen | Hu

    1. Januar 2015 at 3:36 am


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