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Nur Lob für Warm Bodies

with one comment

Warm Bodies ist ein wundervolles Buch, das richtige Gefühle in mir erzeugen kann und ein sehr guter, sehr exakt adaptierter Film. Beide machen sehr vieles richtig und erfrischen alle Genres, in die sie gehören.

Der Protagonist  von Warm Bodies ist ein in seinem Kopf sehr eloquenter, reflektierter Mann, in dem sehr viele Gedanken über die Welt und wie er zu ihr gehört vor sich gehen. Wenn er jedoch versucht, sich zu äußern, kann er nur stöhnen oder einzelne, leichte Worte ächzen. Wie ein Großteil der Menschheit ist er ein Zombie.

Er hat alles vergessen, was vor seinem Tod passierte. Vielleicht hat sein Name mal mit R begonnen. Manchmal stellt er sich stundenlang auf die Rolltreppe und fährt mit ihr hoch, dann wieder herunter. Er hat keinen Antrieb oder Anlass, irgend etwas zu tun. R ist zurecht melancholisch und kann sich niemandem mitteilen. Falls in anderen Zombies ähnliches vorgeht, können sie sich genauso schlecht verständlich machen wie er.

Durch einen Zufall, der sich wohl nur deshalb noch nie zuvor zugetragen hat, weil ausser R eben doch nicht viele Zombies innerlich so lebendig sind, übernimmt er die Gedanken eines verliebten Mannes – und beginnt, diese Gefühle zu resonieren. Er rettet die junge Frau, deren Partner er gerade verschlungen hatte, und kehrt zurück auf den Pfad der Menschlichkeit.

Normalerweise neige ich nicht zu prosaischen Beschreibungen und spreche direkt über den Meta-Bereich, doch in diesem Fall hielt ich es für Notwendig. Warm Bodies als „Zombie-Romance“ zu beschreiben, ist unfair, weil beide Begriffe so viele assoziationen wecken. Das Genre „Romantikstory mit übernatürlichem Wesen“ ist dermaßen verhärtet, dass sogar Aussenstehende wie ich exakt beschreiben können, wie jedes dieser Bücher abgeht. Vermutlich haben sogar junge Mädchen mitlerweile genug davon.

Hätte ich das Buch hingegen beschrieben als „Der Protagonist ist ein Zombie und…“ hätten bereits 50% der Zuhörer mental ausgeklinkt. Alberne Idee, nicht schon wieder Zombies, das kann ja nicht besser werden als die ersten fünf Wörter.

Es ist deutlich besser. Die Welt in Warm Bodies befindet sich bereits im Endstadium der Zombie-Apokalypse. Nur noch wenige Enklaven der Menschheit existieren, der Rest ist völlig am Ende. Bei Fallout, einem Spiel das nunmal tot und leer sein soll, haben deutlich mehr Leute den Krieg überstanden. Zu jeder Zeit beschreibt Isaac Marion diese Zustände glaubhaft und vor allem, ohne wichtige Fragen auszublenden. Um Festzustellen, ob eine Apokalypse-Story sich irgendwelche Gedanken gemacht hat, ist folgende Frage hilfreich: Woher nehmen die Leute das Essen? Wenn es darauf keine Antwort gibt, hat der Autor sich auch sonst nicht viel gedacht. Warm Bodies beantwortet nicht nur diese Frage sondern erwähnt auch, geradezu im Vorbeigehen, wie sich die Menschen organisiert haben, was sie den ganzen Tag tun und wie ihr Leben mitlerweile aussieht.

Und, vielleicht als entscheidenste Leistung für meinen Geschmack: das Buch bringt endlich den Zweifel und die Reflektion in das Zombie-Genre ein, die schon längst fällig waren. Seien wir mal ehrlich: Zombie-Stories boomen gerade heutzutage so sehr, weil sie ein sehr angenehmer, eindeutiger Gegner sind. Sie erfüllen fünf von sieben Kriterien zur Objektivierung – ein einziges genügt schon, um als Objekt wahrgenommen zu werden. Besonders als Post-Ostwest-Konflikt-Welt haben wir einfach keinen wirklich bösen mehr. Es gibt praktisch keine Ausländer mehr, denen man vorwerfen kann, sie würden uns einfach so hassen, ohne dass man dabei wie ein völliger Idiot erscheint. Es gibt keinen Gegner mehr, der überzeugt und aus Prinzip gegen uns ist. Zombies füllen genau diese Lücke und das Bedürfnis nach einem einfachen, befriedigenden Gegner.

Und dann kommt Warm Bodies und sagt ausdrücklich, was die Leute am Anfang der Apokalypse immer glauben wollen: In Zombies steckt noch leben. Sie denken und fühlen, machen sich sorgen und wollen eigentlich nicht töten, sie können nur nicht anders. Und sie können sich nicht verständlich machen. „They look like monsters to you?“ Ist nicht ohne Grund einer der, wenn nicht der wichtigste Satz in Silent Hill. Das Buch spricht all dies nie aktiv aus – R selbst hat aufgrund seiner Natur kein besonderes Verständnis von sich oder anderen Zombies als wertvolle Wesen, über deren Verlust man sich etwas Denken könnte. Doch für mich bleibt dieser Gedanke bis ans Ende bestehen.

Der Romantik-Teil verdient auch einige Kommentare. Wieso ist Warm Bodies besser als der gesamte Young-Adult-Haufen, der seit der Twilight-Welle die Büchereien Regalweise befüllt? Nun. Zuerst einmal ist es kein Frauenporno. Sowohl Twilight als auch 50 Shades of Grey sind ganz einfach von und für Frauen auf eine Weise geschrieben, die ganz bestimmte sexuelle Reize ansprechen – die Protagonistin ist eine dermaßen leere, Persönlichkeitslose Hülle, dass es leicht ist, sich in sie zu versetzen. Der Mann ist so dominant wie möglich, geradezu auf Mary Sue-Niveau schön, fähig, maskulin und stark. Selbst unter seinen übernatürlichen Artgenossen ist er ein Alpha. 50 Shades ist nicht so erfolgreich, weil es so ein tolles Buch ist, sondern weil sehr viele Frauen erst jetzt feststellen, dass es auch Pornographie gibt, die nicht aus einem männlichen Blickwinkel produziert wurde und dies der einzige Vertreter des Genres ist, der ihnen bekannt ist.

Warm Bodies ist nicht nur „still a better love story than twilight“, sondern auch ganz einfach als solches eine gute Liebesgeschichte. Beide Beteiligten haben eine echte Persönlichkeit und handfeste Eigenschaften, die man aufzählen kann. Sie erleben gemeinsam Dinge, tauschen sich über ihre Interessen aus. Sie haben bonding moments. Mir half es auch, dass ich bereits mit R mitfühlen konnte und tief in seiner Gedankenwelt war, bevor das Mädchen überhaupt auftauchte – gleichzeitig ist aber auch sie so aktiv und für die Handlung relevant, nicht nur weil sie anwesend ist sondern auch weil sie dazu Beiträgt, dass ich schnell auf der Seite beider war.

Spoiler (markieren um zu lesen): Ich finde das Ende bei weitem nicht so schön wie den Anfang – es funktioniert eben nur wegen einer Magie, die es nur in dieser Geschichte aus irgend einem Grund gibt, im Gegensatz zum Rest der Handlung, die sich auf „Kanon“-Regeln in Zombiestories bezieht. Wenn man so einfach einen „Liebe löst alle Probleme“ aus der Hose zaubert, kann das viele Geschichten entwerten (So, wie Harry Potter den letzten Kampf ja auch nur wegen einer Fußnote im Zauberstab-Besitzrecht gewonnen hat, nicht weil er irgendwas besonderes geleistet hat). Warm Bodies gefällt mir dennoch – und gerade, falls der geplante Nachfolgeroman am Ende ansetzt, dort wo es gerade wieder interessant wird, lasse ich mir das gerne bieten.

Einer der wenigen ernsten Unterschiede zwischen Buch und Film ist die Behandlung der Bonies. Während sie im Buch als, im Gegensatz zu den fleischigen Zombies, zielgerichtet handelnde „Priester“ auftreten, als eindeutiger Beweis, dass die Warm Bodies-Apokalypse von übernatürlicher, nicht nur Viraler natur ist, als eine Sonderform des Zombieseins, die anderen Regeln gehorchen und den Status Quo vertreten, zeichnet der Film sie von Anfang an als „Elite-Zombies“, die genauso sind wie normale, nur schneller und Bösartiger, ohne jede Besserung. Die Buchversion gefällt mir deutlich besser und könnte von mir aus gerne in den Zombie-Kanon aufgenommen werden. Die Filmversion erfüllt eben jene rolle, welche die Zombies leer lassen.

Auch erscheint mir R im Buch als deutlich klüger und reflektierter – natürlich, das gesamte Buch ist sein innerer Monolog, im Film ist er größtenteils Still – doch selbst die Dinge, die er im Film denkt, scheinen leichtere Wörter zu nutzen und weniger tief zu gehen. Dies wächst nichtmal zu einem Kritikpunkt an, ich fand es nur nennenswert.

Beim Lesen des Buches spürte ich oft den Wunsch, Dinge die R sagt oder tut für mich selbst darzustellen – ich bin erfreut, dass Nicholas Hoult, der Darsteller von R, meiner Interpretation sehr ähnelt. Oft haucht er Worte derart ungeübt hin, dass man leicht verpasst, was R sagen will – und das ist in Ordnung. Es verbessert den Effekt.

Der zweite wichtige Zombie, M, war in meiner Vorstellung zwar ein typischer Bro und ist im Film ein älterer Herr im Anzug. Doch auch die Filmversion, Rob Corddry, gefällt mir sehr gut. Sein Gesicht trägt so viel, dass die Special-Effekts nicht nötig wären, um verständlich zu machen, wie sich seine Gedankenwelt verändert.

Wer nur die eine Version kennt und mag, sollte definitiv auch die jeweils andere sehen. Sie passen sehr gut zusammen. Wenige adaptionen gehen so ehrlich mit ihrem Quellmaterial um, ohne zu denken „Maannn, wir sollten hier mal n paar fette actionszenen reinbatzen, viel geiler dann!“

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Written by vetaro

13. Oktober 2013 um 5:07 am

Veröffentlicht in Filme

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Eine Antwort

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  1. Danke!
    Ich habe Warm Bodies seit geraumer Zeit in meiner Leseliste, weil mir das Konzept vielversprechend erschien, und freue noch jetzt noch mehr drauf.

    Muriel

    13. Oktober 2013 at 10:21 am


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