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Gimmicks sind wichtig. Geht gut mit ihnen um.

with one comment

Es gibt einen Grund, warum Leute Pacific Rim sehen, Battle Royale, Splice, irgendwas von Jackie Chan, Sharknado, Batman, Save the last dance oder Final Destination. Es sind Filme, die versprechen, dass es um eine bestimmte Sache geht die cool sein wird. Und mir sind ein paar Dinge aufgefallen, die beim Umgang damit immer wieder auftauchen.

Erst einmal sollten wir klären, was genau ich mit Gimmick meine. Ich spreche dabei von einem Thema im Film, das vor dem Sehen des Filmes bekannt ist und für viele Zuschauer der entscheidende Faktor ist, um ihn sich anzusehen. Ein Gimmick ist eindeutig definierbar („Riesige Roboter die sich auf die Fresse hauen“, „Breakdance“, „Superheld mit technischen Gadgets und Nahkämpfen“, „Tornado aus dem aggressive Haie heraus angreifen“) und ist üblicherweise der Faktor, mit dem sich ein Film im Trailer von anderen differenzieren will. Üblicherweise sind Gimmicks aufregend und greifbar. Ausserdem handelt es sich meistens um Dinge, die sehr ungewöhnlich bis unrealistisch übernatürlich sind. Ein normaler Baustein eines Filmes mit dem Wort „Gut“ davor ist kein Gimmick (z.B. „Gute Dialoge“).

Gimmicks existieren auch in Büchern und Fernsehserien, über Bücher erfährt man aber oft auf anderen Wegen und bekommt andere Faktoren vor dem Gimmick erzählt, während Fernsehserien eine längere Investition von Zeit sind. Bei ihnen sind die Umstände etwas variiert, weshalb ich sie vorerst aussen vor lasse.

Gimmicks sind nicht immer der entscheidende Faktor bei der Entscheidung, einen Film zu sehen. Gerade solche, die man hochnäsig als kunstvoller bezeichnen könnte, kommen für gewöhnlich ohne Gimmick aus. Filme von Woody Allen oder Lars von Trier haben eine Vielzahl von benennbaren Eigenschaften, die Zuschauer im Vorhinein erwarten, sie sind aber keine Gimmicks. Cop-Filme wie sie in den 80s vorrang hatten, würde ich als blasses Gimmick bezeichnen: Leute kamen durchaus, weil sie einen Polizei-Film sehen wollten, aber es gab auch viele andere Anreize, und wäre es ein ähnlicher Film ohne Polizei gewesen häten sie ihn auch gesehen.

Eine Meta-Geschichte erzählen

Meine Kindheit endete wirklich, als mir meine Literatur-Lehrerin in der 9. Klasse erzählte, dass man so viele Monster in seiner Geschichte haben kann wie man will, aber wenn man die Handlung zusammen fasst, sollte sie dennoch gut sein. Sie sprach natürlich von Gimmicks, und basierend auf ihrer Aussage habe ich einen Test entwickelt:
Erzähl die Hauptgeschichte eines Filmes, aber glätte alle Aspekte aus. Wenn es eine Kampfszene gibt, sag nur „sie kämpfen“ ohne ausschmückungen. Wenn ein Charakter jemanden charismatisch überredet, sag nur das, ohne sein direkt charismatisches Verhalten zu beschreiben (und erwähne es nur, wenn es für die Handlung unumgänglich ist). Lasse alles aus, was nicht direkt zur Auflösung der Handlung nötig ist.

Ich spoilere Beispielhaft mal eben zwei Young-Adult-Bücher deren Zielleserschaft 15-Jährige Mädchen sind. Ich denke meine Leser gehören weniger in diese Gruppe, daher sollte das in Ordnung sein.

Beispiel Scott Westerfelds „Uglies“: Mädchen lebt in utopischer Stadt. Eine Freundin flieht in ein Versteck von Aussteigern aus der Utopie. Geheimorganisation schickt Mädchen als Spion hinterher. Mädchen will Versteck nicht enthüllen, tut es aus versehen. Versteck wird aufgelöst, Mädchen und Junge kehren in Stadt zurück um Freunde aus Geheimorganisation-Basis zu befreien.

Beispiel Veronica Roth „Divergent“: Mädchen lebt in einer Gesellschaft die aus 5 Gruppen besteht. Schließt sich der Gruppe der Mutigen an. Durchsteht viele Tests. Gruppe der Wissenschaftler gehirnkontrolliert Mutige um die Gruppe der Selbstlosen zu genozidieren. Mädchen stoppt Genozid, sie gehen weg.

Dr. Who schafft das mit den Gimmicks immer und äußerst erfolgreich.

Wenn man eine Geschichte auf diese Weise erzählt, werden Gimmicks üblicherweise ineffektiv. Man kann die Geschichte auch in mehr details erzählen, aber das Gimmick entfaltet niemals seine Wirkung so, dass ein Gimmick-Freund seinen Spaß daran haben kann. Es ist auf diesem Weg möglich, eine Geschichte zu sehen ohne sich von der coolen Sache blenden zu lassen. Zum Beispiel Dragon Ball Z Season 1 (Superheld opfert sich im Kampf um einen Alien zu besiegen. Zwei weitere Aliens greifen Erde an. Superheld muss langen weg im Himmel gehen um wieder lebendig zu werden. Lebt wieder, bekämpft andere Aliens, gewinnt.) erscheint deutlich blutleerer, wenn man es so beschreibt, als das bei guten Geschichten der Fall wäre.

Ist es völlig austauschbar?

Eine Sache, die Dragon Ball Z jedoch sehr richtig macht, ist dass ihr Gimmick (Hyper-Kämpfe mit Aliens und Supergestalten) integral für die Handlung ist. Man könnte das ganze nicht austauschen durch „Sie sind sehr gute Tänzer und müssen Wett-Tänze gegen andere Champions machen“. Ich halte das für ein wichtiges Qualitätszeichen eines Gimmicks.

Man könnte die gesamte Geschichte von Transformers auch erzählen, wenn die Transformers keine Auto-Roboter wären sondern kämpfende Aliens. Oder Zauberer. Die Handlung bricht nicht in sich zusammen, wenn man search-replace mit geringem Aufwand betreibt. 28 Days Later ist meiner Meinung nach nicht einmal ein Zombiefilm. Der Zombie-Faktor ist dermaßen irrelevant für alle Charaktere und die Narrative, dass es genausogut einfach eine Welt, in der fast alle Leute plötzlich tot waren sein könnte.

Ähnliches gilt für „Uglies“, eine sehr Brave New World-Artige Geschichte über eine Gesellschaft, in der jeder Mensch durch Schönheitsoperationen Ideal gut aussieht. Dies ist natürlich das Gimmick, doch in der Praxis ist es irrelevant für die Handlung. Es könnte auch eine Welt sein, in der alle unter enorm enger medizinischer Beaufsichtigung sind, in der Sexualität harsch reguliert wird oder in der man bestimmte Themen nicht ansprechen darf, aber niemals gesagt wird, was eigentlich verboten ist. Für die Handlung macht es effektiv keinen Unterschied und es ließe sich leicht umändern.

Das ist insofern wichtig, als dass die Zuschauer eingeschaltet haben, weil sie das Gimmick sehen wollen. Und wenn es offensichtlich nur auf einem oberflächlichen Niveau drauf gepappt wurde, ist die Chance hoch, dass es nicht befriedigend ist. Es bedeutet, dass die Charaktere vielleicht mal über das Gimmick reden, dabei aber zu keinen Ergebnissen kommen die ihre Handlungen beeinflussen. Es heisst auch, dass man vermutlich keine kreative Weise, damit umzugehen, zu sehen bekommen wird. Dass das Gimmick nicht, zum Beispiel, mit einer Schwäche besiegt wird die nur deshalb existiert, weil es dieses Gimmick und kein anderes ist. Es ist praktisch unmöglich, Back to the Future so umzuschreiben, dass es um etwas anderes als Zeitreise in die Kindheit der eigenen Eltern geht, ohne dass Grundlegend alles umgeworfen wird.

Mehr davon!

Ein Problem, das mit schon lange bewusst ist, ist Bait and Switch. Ich zeige euch das mal kurz anhand des damals groß von MTV beworbenen Films Save the Last Dance, der sich so bewirbt und den ihr vermutlich nie gesehen habt (was hierfür hilfreich ist):

 

Welches Gimmick? Genau, Ballettänzerin wird Breakdancerin. Die Zielgruppe ist interessiert, weil der Titel und Trailer einen Film über dieses Thema versprechen. Immerhin steht MTV dahinter. Die Realität? Ein zwei Stunden langer Film, in dem die Protagonistin rumweint weil ihre Mutter tot ist, die ansonsten alle schwarzen Mitschüler sie dissen weil sie nicht schwarz ist, und sie über ihre Gefühle spricht.

Aber es gibt doch sicher auch genug Tanzen, um die Zuschauer interessiert zu halten? Ja. Alle Tanzszenen habt ihr soeben im Trailer gesehen. Mehr gibt es nicht. Es ist einfach ein vorhersehbarer, langweiliger Dramafilm mit keinerlei unerwarteten Wendungen, der einem niemals das gibt, was er offen bewirbt.

Gibts das öfter? Ja. Zum Beispiel Heroes. Eine Serie, die zu 5% Superhelden-Aktivität und Special Effects hat und ansonsten Gespräche zeigt. Aber wenn man sich die Trailer ansieht – oder die „previously on Heroes“ Rückblicke in jeder Folge –  hat man den Eindruck, es wäre 95% Action und Superkräfte.

Das selbe gilt für Breaking Bad, eine Serie die auch alle ihre aufregenden Szenen im Trailer hat, was bedeutet dass es  oft ca. 3 Minuten „Chemielehrer der Kriminell wird“ (das ist das Gimmick) pro 6+ Stunden je Staffel sind. Das ist übrigens keine Meinung, ich hab‘ beim Schauen mitgeschrieben um nicht nachher in meiner Erinnerung die Anteile falsch zuzuweisen.

Fazit

Damit ein Gimmick gut ist, sollte es in ausreichender Quantität im Film vorhanden sein, ein entscheidender Faktor der Handlung und idealerweise einen Blick darauf geben, was die Existenz des Gimmicks für die ansonsten normale Welt bedeutet.

Die Existenz eines Gimmicks sagt nichts über die sonstige Qualität eines Werks aus und sollte weder als Pro-noch  Kontra-Argument genommen werden bloß weil es vorhanden ist. Bei einer tieferen Bewertung der Qualität einer Geschichte empfehle ich, dass sowohl Freunde eines Werkes als auch dessen Kritiker sich die Geschichte ohne das Gimmick vorstellen. „Ja aber darum gehts ja nicht, wie geil sich die Roboter weghauen ist ja das wichtige“ und „Ein Film mit Riesenrobotern kann keinen Künstlerischen Anspruch haben“ sind beide gleichmäßig ungültige Aussagen.

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Written by vetaro

17. Juli 2013 um 5:02 pm

Eine Antwort

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  1. […] eines Tages, lagen diese riesigen, blauen Bücher in der Bücherei. Moers erschlich sich durch das Gimmick seines Etablierten Kinderbuchhelden die Aufmerksamkeit der Kinder – und produzierte dann ein […]


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