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Verriss: Felidae

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Als ich 11 war, hat mir meine Mutter ein Buch gegeben, das ich sehr gut war. Es war ein  ziemlich erwachsenes Buch, das mit Mordfällen, Moral und Menschheits-relevanten Themen umging. Bloß dass alle Protagonisten Kazen waren. Es war unheimlich gut.

Jetzt sind jedoch fast 10 Jahre vergangen. Und es ist Zeit, die Wahrheit auszusprechen: Die Felidae-Reihe ist zu einer unfassbaren Monstrosität mutiert.

Ich möchte beiweitem nicht die Qualität des ersten Buches, das noch „Felidae“ hiess, herabwürdigen. Es war großartig. Ich würde es, hätte ich knapp 12jährigen, cleveren Nachwugs, sofort weitergeben. Die Bücher werden vorallem dadurch getragen, dass die Akteure eben Katzen sind, Situationen also mit z.B. völlig anderen körperlichen Voraussetzungen auskommen müssen – gleichzeitig aber der Ich-Erzähler ein äußerst mondäner Kollege mit einem Wortschatz ist, der meinen damaligen um etwa 50% überschritt. „Doch wie sagt der chinesische Fabrikarbeiter: ‚Es ist gut so, wie es ist‘.“

Das Buch wurde auch verfilmt. Das Produkt war von sehr minderer Qualität – die Zeichentrick-Animationen waren ruckelig. das Pacing grauenhaft, und man verzichtete sogar darauf, die Charaktere sich wie Katzen benehmen zu lassen. Wenn also jemand Beileid ausdrücken wollte, legte er dem anderen die Pfote auf den Rücken. Darüber kann man aber hinweg kommen.

Das Problem ist nun aber jenes, das viele großen Werke erfasst hat: Der Autor konnte es einfach nicht dabei bewenden lassen. Viele Jahre nach dem Erstling ging Akif Pirinçci wahrscheinlich einfach das Geld für die Yacht aus oder so, und er fing an, Fortsetzungen zu schreiben.

Und es ist einfach brutal zu spüren, dass keine nachfolgenden Bücher geplant waren. Die weiteren Bücher werden in Folge immer unsinniger und unrealistischer, vorallem ihre Auflösungen.

Ich würde behaupten, die sprachliche finesse und Hochnäsigkeit des Erzählers leidet nicht besonders in den Büchern. Der Spaß sinkt nur, was das Lösen der Fälle und das jeweilige Ende angeht.

Eigentlich das Cover des zweiten Buches, berechtigterweise aber so populär geworden, dass es jetzt auch andere schmückt. Dabei wäre es eigentlich für das Vierte besonders passend gewesen.

Der folgende Teil wird nun zunehmend spoilender. Leser, die noch vorhaben, die Bücher mal zu lesen, sollten jetzt weggehen.

Ab dem dritten von sechs Büchern spürt man auch, dass herr Pirinçci sich eigentlich selber bewusst ist, dass er nur noch eine Geldkuh melkt und er jetzt echt langsam mal aufhören sollte: In jeder Einführung kommentieren der protagonist oder seine Freunde, dass er jetzt aber schon ziemlich alt geworden seie und für all die Action der vorherigen Bücher bestimmt gar nicht mehr geeignet. Was in der Folge des Buches dann natürlich völlig ignoriert wird und er trotz Beteuerungen, dass er das gar nicht mehr kann, weiterhin 1er-Sportleistungen hinlegt..
Und das stimmt. Es erinnert ein wenig an einen schlechten Schummler, der sagt „Ohh, jetzt habe ich schon zwölf mal in Folge ‚Kopf‘ geworfen, was für ein Zufall!“

Die Bücher werden vorhersehbar. Zum Beispiel existiert in jedem Einzelnen ein Kater, der recht früh auftaucht, intelligent ist, eine besondere, hervorstechende Eigenschaft oder Eigentümlichkeit hat (z.B. dass er mit den Klauen Handschrift betreibt, Computer bedienen kann, schwul ist oder ähnliches), sich mit dem Protagonisten wenigstens ein bisschen, meistens mehr, anfreundet – und der sich zuletzt als tief oder sogar tiefstens in die Angelegenheiten verstrickt herausstellt.

Grundsätzlich, wenn eine Situation vom Ich-Erzähler als bedrohlich oder sicher und friedlich eingeschätzt wird, kann man davon ausgehen, dass das Gegenteil die Wahrheit ist. Der Protagonist leidet da ein bisschen an Genreblindheit.

Regelmäßig findet sich ausserdem ein felines Bond-Girl, das im Standardfall stirbt, eine Böse ist oder mehr weiss als sie zugibt.

Ausserdem gibt es immer mal wieder Personengruppen, die einfach so reingebaut sind, dabei jedoch ausschließlich der ablenkung dienen. Im ersten Buch sind es die Claudandus-Jünger, im zweiten Buch sind es die Kanalisationskatzen, im dritten die Kriegshunde und so weiter.

Alles baut immerzu auf so unfassbaren Zufällen auf. Was für ein Zufall, dass man ausgerechnet in jenes Haus eingezogen ist, in dem vor vielen Jahren Tierexperimente stattgefunden haben, und was für ein Zufall, dass der Ort zwar gesäubert wurde, aber gerade seine Aufzeichnungen, das einzige Dokument, das Klarheit in den Fall bringt, zurückgelassen wurden, und was für ein Zufall, dass der böse Kriegsprofessor (siehe unten) genau im gleichen Haus einzieht, und so weiter. Dabei wäre das oft überhaupt nicht nötig.

Aber der eigentliche Kracher sind die Auflösungen. Je weiter die Serie fortschreitet, desto abgehobener werden die Erklärungen für die jeweiligen Morde, und desto weniger hat das Ganze irgendwas mit einer realen Bedrohung zu tun. Hier mal kurz die jeweiligen Täter und Tatumstände:

– 1.  Buch: Ein Kater. Wurde mal Opfer von Tierversuchen, will nun eine neue Katzensorte Züchten. Hat ungebetene Paarungs-Partner ausgeschaltet.

– 2. Buch: Eine Reihe Wildkatzen. Sie meinen es eigentlich nicht böse und ziehen am Ende Richtung Arktis.

– 3. Buch: Ein Kriegsforscher, der zwischen Hunden und Katzen einen Krieg anfachen will. Dass Tiere menschlich denken und reden können wird hier nie als etwas aussergewöhnliches dargestellt.

– 4. Buch: Ein geklonter Mensch-Kater. Er sieht wahrscheinlich irgendwie so aus und wollte den Protagonisten mit Morden auf seine Spur locken. Am ende verbrennt er sich und seinen Schöpfer.

– 5. Buch: Ein Wissenschaftler, der Kriegsdrohnen bauen will. Dafür braucht er die Gleichgewichtsorgane von Katzen, die er aus ihren Ohren schneiden muss.

Und dann folgt das letzte Buch. Wer könnte wohl der letzte, große Antagonist sein? Genau. Es ist der motherfucking Teufel. Mit Pferdefuß und allem drum und dran. Wollen wir’s noch ein bisschen bescheuerter haben? Okay. Am ende wacht der Protagonist auf, und es war alles nur ein Traum.

Auf dieses letzte Buch muss ich auch noch einmal im Detail eingehen. Der Plan des Teufels ist es nämlich, sprachbegabte Katzen (und wohl auch andere Tiere) einzuspannen, damit diese mit den Menschen reden. Auf diese Weise könnten z.B. schweine ihren Schlachtern mal ‚was erzählen, Schimpansen ihren Tierversuchs-Wissenschaftlern und so weiter.

Das ist zumindest der angebliche Plan. In Wahrheit hat der Teufel festgestellt, dass Tiere einfach zu unschuldig sind. Keines von ihnen landet in der Hölle: Denn sie sprechen nicht. Sobald Tiere aber reden, gäbe es zwischen ihnen Missgunst, Kompetition, dann Anschläge und Kriege, bis alles wie bei den Menschen ist.

Der Protagonist soll der Antichrist des Versuchs sein und ihn anführen. Dazu hat der Teufel eine ausgeklügelte Situation aufgebaut, in der er wie ein normaler Mensch erscheint, der Opfer einer Verschwörung ist.

Es gibt jetzt zwei große Kritikpunkte für mich. Einerseits: Alle Bösen in diesem Buch sind 1:1 aus dem Buch „Böse Klischeecharaktere zum Ausschneiden“ genommen und wurden einfach in die Story reingepappt.
Es gibt den dummen großen und den dürren cleveren, die immer zusammen agieren, die Gesichtslosen Folter-Strahlemänner und natürlich den Teufel, einerseits als Pferde-Stier, andererseits als Sean Connery im Anzug.

Und andererseits – und das ist die Stelle, wo alles kritisch wird – hat der Herr Pirincci einfach jede Form von Logik und Continuity fahren lassen.

Das allererste Buch beginnt damit, dass der Protagonist mit seinem Halter umzieht. Im neuen Revier kennt er noch niemanden und hat auch noch nie was von den Ereignissen hier vor Ort gehört.

Im allerletzten Buch aber stellt sich heraus, dass er dreissig Minuten zu Katzen-Fuß entfernt aufgewachsen ist. Er ist dann seinem Halter zugelaufen, der auch offensichtlich in Wander-Reichweite wohnte.

Wie ist es bitteschön möglich, dass der Protagonist dann in Buch 1 niemanden in der Gegend je gesehen hat, das gesamte Areal nicht kennt, und auch noch keinen Hinweis auf die in die Hunderte gehenden Morde der Gegend aufgeschnappt hat?

Und zweitens: Die Tiere sind zu unschuldig weil sie nicht reden und kommen deshalb nicht in die Hölle?! Hallo?? Der Böse im ersten Buch ist ein Kater, der hundertfach an Mord schuldig ist und dessen Zuchtpläne eine offensichtliche Anspielung an HITLER sind!

Abgesehen davon sprechen die Tiere untereinander die ganze Zeit! Und sie verstehen auch Menschen! Und sie könnten auch mit ihnen reden! Die Tiere sind fünf Bücher lang missgünstig, streitsam, faul, wollüstig und zornig! Der ganze Plan des Teufels macht überhaupt keinen Sinn!

Okay, aber der Gipfel, das ist echt die Beleidigung schlechthin. Entweder dachte sich der Pirincci, dass diese Geschichte jetzt echt den Realität-Rahmen sprengen würde, oder es war einfach pure faulheit. Aber den billigsten, ich meine den absolut beschissensten Storywriting-Trick jemals aus dem Hut zu ziehen, das ist einfach inakzeptabel. Er wacht auf und es war alles nur ein Traum?! FUCK YOU, BUCH, DU KANNST MICH MAL!

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Written by vetaro

1. Juni 2010 um 12:12 am

Veröffentlicht in Realität

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3 Antworten

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  1. PS: Ich habe mich vor ein paar Tagen mit Jan unterthalten, der aktuell auch bloggt. Witzigerweise plante er gleichzeitig mit mir, sich über Felidae mal auszulassen. Weil wir uns drüber unterhalten haben ähnelt das Ergebnis seiner Gedankengänge meinem so sehr wie andersrum 😀

    vetaro

    1. Juni 2010 at 6:03 am

  2. Ich habe vor kurzem den Film wiederentdeckt, den hatte ich als Kind schon mal gesehen und er hatte mich ein bisschen verstört. Dass das inzwischen eine ganze Romanreihe ist, wusste ich nicht – lesen werde ich sie wohl auch nicht, allein weil Katzen doof sind 😀

    Traum-Auflösungen hasse ich im übrigen auch, so was sollte verboten werden ~_~

    christian

    1. Juni 2010 at 7:27 am

  3. Sehr schöne „Rezension“ zu der Romanreihe! Ich habe bisher nur den ersten Band der Reihe gelesen (und werde es dabei auch bewenden lassen).
    Ich persönlich finde es legitim,wenn sich ein Schriftsteller dazu hinreißen lässt „fabrikhaft“ zu produzieren (Schriftstellerei kann ein hartes Brot sein). Wolfgang Hohlbein könnte man sozusagen als „Henry Ford“ des Schreibens bezeichnen. Aber: E hat dennoch ansehnlich Werke geschaffen, trotz des „FabrikStyle“.
    Voraussetzung dafür ist aber,daß der Leser nicht verarscht wird. Die von Dir genannten Schitzer in der Handlung schmerzen ja förmlich, wie z.B. der Revierumzug!

    Weiter mehr Rezensionen;)

    stefanhensch

    5. Juni 2010 at 1:30 am


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