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Staatenphilosophie, Geniokratie

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Wenn man im Unterricht sitzt und Behauptungen von Philosophen hört, die davon ausgehen, dass alle Menschen Böse und Eigennützig bzw. Gut und Wohlmeinend sind, driften die Gedanken schnell ab. Und dann fallen einem solche Sachen hier ein…

Es mag etwas weit hergeholt klingen, dass jemand ernsthaft behaupten würde, Menschen wären, generell gesprochen, an einem Ende der moralischen Messlatte. Und dass diese Philosophen darauf basierend auch noch vorschlagen, man sollte die Leute also praktisch alles selber regieren lassen, weil sie ja so gut sind, bzw. sie möglichst von jemandem kontrollieren lassen der sie im Zaum hält, weil sie ja so böse sind.
Diese Behauptungen, die von den Philosophen Rousseau und Hobbes vertreten werden, gibt es aber wirklich. Und sie sind der gesamte Inhalt unseres Unterrichtes zum Thema „Staaten“.

Da man als denkender Mensch ungefähr 5 Sekunden braucht, um zu beiden Behauptungen zu sagen „moment mal, das ist ja totaler unsinn, die Wahrheit liegt natürlich, wie immer, in der Mitte“, haben wir in diesem Unterricht genug Zeit, uns über wichtigere oder witzigere Staatenformen Gedanken zu machen.

Hier deshalb eine Liste der Regierungsformen, die uns auf Anhieb einfielen:

* Demokratie (Direkt, Repräsentativ)
* Diktatur
* Föderalismus
* Monarchie
* Republik
* Technokratie
* Anarchie

… und dann wurde das langweilig und wir fingen an, interessantere Systeme aufzuzählen.

* Terrorkratie (Wort von mir erfunden, beschreibt die Zustände in 1984)
* Dinokratie (Herschaft der Dinosaurier)
* Nekrokratie (Herrschaft der Toten, wie in Nordkorea)
* Zombiekratie (Herrschaft der Toten, die dein Gehirn essen wollen)
* Kratokratie (Herrschaft derer, die den anderen in die Fresse geschlagen haben)
* Metallicratie (Gimme Foo, Gimme Faa, Gimme Dadadadada)
* Idiokratie (Herrschaft der Blöden. Dazu gibt es auch einen witzigen Film)

…Und jetzt, als ich all dies hier aufschrieb, fand ich eine weitere Form der Herrschaft. Eine geradezu gute Idee.

Geniokratie. Ein Demokratisches System, das Intelligenz und Mitgefühl fördert. Um zu kandidieren, muss man deutlich über einem Durchschnittswert für kreatives Problemlösen und emotionale Fähigkeiten liegen, um zu wählen muss man diesen nur leicht überschreiten.

Die Idee ist, dass dieses System nur jene Leute wählen lässt, die einen gewissen Eignungsgrad erreicht haben, anstatt es pur am Alter festzumachen. Auf diese Weise soll z.B. emotionale Manipulation der Wähler erschwert werden.

Kritikpunkte:  1. Das ist ziemlich Diskriminierend, oder?   Antwort: Stimmt. Es schließt Leute aus. Ebenso wie aktuelle Demokratie Kinder und Leute in geschlossenen Anstalten ausschliesst, weil davon ausgegangen wird, dass die Entscheidungsfähigkeit dieser Leute problematisch oder geschwächt ist.

Von der Selben Annahme geht die Geniokratie aus, nämlich dass es auch ausserhalb dieser Bereiche Leute gibt, die allgemein für solche Entscheidungsprozesse nicht geeignet sind, weil sie z.B. zu manipulierbar oder uninformiert sind.

2. Wie soll man das denn Messen? Da gibt’s doch sicher alle möglichen Probleme.  Antwort: Ja, das kann gut sein. Man müsste davon ausgehen, dass alle Bürger einen IQ/EQ-Test oder etwas ähnliches machen. Diese sind natürlich nicht unfehlbar und perfekt. Da es sich dabei um ein Kernstück des Systems handeln würde, würde dieses natürlich besonders intensiv überprüft und beobachtet, damit es nicht unerlaubt manipuliert werden kann. Natürlich könnte so ein Test beeinflusst werden, um unliebsame Wähler rauszuhalten oder so, aber genauso könnten heutzutage Einwanderertests manipuliert werden.

Ausserdem müsste man sich natürlich nicht unbedingt in die beiden Werte „Intelligenz“ und „Mitgefühl“ verbeissen. Es könnten auch andere Bereiche wie „Moralische Entwicklung“ oder „politisches Verständnis“ angesehen werden.
Vor allem sollte es sich Bereiche handeln, in denen die Personen sich verbessern können, um es erneut zu versuchen, wenn es ihnen wichtig ist (was ja schliesslich ‚was positives ist).

Ja, die waren das. Sie wollten ihm übrigens nicht zur Weltherrschaft verhelfen sondern ihn für seine Taten vor Gericht stellen. Das ist, auf so vielen Ebenen von Wissenschaft, so grässlich falsch.

Jetzt kommt aber das Problem. Dieser Denkanstoß (der nicht wirklich als Herschaftsform geplant ist sondern die Leute nur zum Nachdenken bringen soll) stammt von den Raëlianern. Einer Ufo-Religion die behauptet, die Menschheit wäre von Aliens erschaffen worden, welche regelmäßig Propheten wie Buddha und Jesus auf die Erde schickten, um den Menschen zu helfen. Ihr aktuellster Prophet ist Rael, ein franzose und ehemaliger Autorenn-Journalist.
Obwohl die Raelianer einige sinnvolle Sachen sagen (da ihr Prophet in den 70ern auftrat, hat er zu aktuellen Problemen eine Meinung und ist gegen Drogen und sexuelle Stigmatisierung), bleibt es halt eine Ufo-Sekte. Die behauptet hat, sie könnte Klonen. Und… nun, offensichtlich möchte niemand sich auf die Seite von Leuten schlagen, die kluge Ideen auf der Basis von völligem Unsinn haben.

Meine persönliche Meinung ist dass es eigentlich egal wäre, welches politische System man hat: Wenn man die Menschen gut genug Bildet und ihnen Moral beibringt (und, wie es scheint, ist Moral tatsächlich ein lineares System, nicht unbedingt ein „jeder wie er’s für richtig hält“-Ding), kann eigentlich alles funktionieren – Sogar Diktatur würde funktionieren, wenn der Chef wohlmeinend und clever wäre.
Auf jeden Fall gehe ich davon aus, dass die (an sich nicht schlechten Ideen) Kommunismus und Anarchie jene Systeme sind, die am meisten von Bildung und hoher Moral ihrer Teilnehmer abhängen – nur dann sehe ich da eine Chance auf Erfolg.

Written by vetaro

28. März 2010 um 10:59 am

11 Antworten

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  1. Naja, die Idee des wohlmeinenden Diktators ist natürlich nicht besonders neu, aber es gibt so ziemlich kein historisches Beispiel, bei dem das funktioniert hat (manche nennen den früheren Premierminister von Singpur, Lee Kuan Yew, als Beispiel).

    Insbesondere scheint es schwierig zu sein, die Moral und Bildung hochzuhalten, wenn der Diktator alle Dinge gut und zur Allgemeinen Zufriedenheit regelt. Dann erwarten alle, dass die Regierung sich um alles kümmert und kümmern sich selber um immer weniger.

    Und vernünftige Kriterien zu entwickeln, die die Wählerschaft erfüllen muss, ist natürlich beliebig schwierig. Davon ab, wäre auch der Übergang schwer, weil jede Partei natürlich versucht, die Kriterien so hinzubiegen, dass ihre eigenen Wähler sie auch erfüllen können… wenn man sich die Wahlwerbung draußen so ansieht, dann ist klar, dass die meisten Parteien meinen, dass sie von Deppen gewählt werden.

    Zuletzt: richtige Genies wollen gar nicht regieren. Das Cover des Geniokratie-Buches da oben erinnerte mich daran, dass Einstein die Präsidentschaft für den Staat Isreal angetragen wurde… er hat abgelehnt.

    Thorn

    29. März 2010 at 9:19 am

  2. Ja, wie gesagt – alle Probleme, die so auftreten, wären eigentlich nur dadurch zu zerstören, dass man jeden Menschen nicht nur zu Intelligenz und Mitgefühl, sondern auch noch zu Motivation erzieht (Motiationsforschung interessiert mich aktuell sehr, dazu ein anderes mal ein Blogeintragt).

    Damit die Bevölkerung nicht aufhört, selber was zu machen, müsste man ihr das schon selber beigebracht haben.

    Damit Leute in einem System, wo sie auch ohne einen Finger zu Rühren versorgt würden, weiter arbeiten, müsste man ihr beigebracht haben, dass das ‚was gutes ist … und so weiter.

    Ich gehe davon aus, dass das Gegenteil einer Idiokratie notwendig wäre: Die Leute müssten langsam durch Bildung weiter „veredelt“ werden, wie die klassikanten sagen würden, bevor man mit irgendwas revolutionärem anfängt.

    Ich bin mir ziemlich sicher, dass jemand, der vorschlägt man könnte doch mal irgend ein System zur Testung der Wähler-Eignung ausprobieren, sofort beschimpft und weggeschickt würde. Die Vorstellung nervt mich ziemlich ab.

    vetaro

    29. März 2010 at 9:34 am

  3. Das Problem ist eben, dass ein politisches System nur mit echten Leuten funktionieren kann, sonst ist man schnell wieder bei den extremen Modellen, die du im ersten Absatz als unrealistisch aburteilst.

    Oder wie es Bert Brecht sagte „die Regierung sollte sich ein neues Volk wählen.“

    Thorn

    29. März 2010 at 11:03 am

  4. Ach, Motivationsforschung, hast du den Artikel gelesen, dass externe Belohnungen in Spielen (wie Achievements) möglicherweise den Spielspaß verringern?

    War auf Gamasutra:
    http://www.gamasutra.com/view/news/27646/GDC_Heckers_Nightmare_Scenario__A_Future_Of_Rewarding_Players_For_Dull_Tasks.php

    Thorn

    29. März 2010 at 11:08 am

  5. P.P.S. In deiner Liste von Regierungsformen fehlt die Meritokratie, das dürfte ungefähr sein, was du suchst.

    Thorn

    29. März 2010 at 11:11 am

  6. Okay, hat etwas gedauert, aber hier meine Antworten:

    Meritokratie gefällt mir irgendwie nicht, sie überspringt irgendwie die Probleme, die ich in dieser Hinsicht relevant finde, also manipulation von in ihrer Entscheidungsfähigkeit eingeschränkten Wählern und die moralische Eignung von gewählten.

    Es gilt immernoch als „schwäche“, wenn man als Politiker seine Meinung ändert, weil man neue Informationen gesammelt hat – insofern ist politik wieder der Wissenschaft entgegengesetzt.

    Und bzgl. der achievement-hypothese: Das scheint mir noch etwas schlecht belegt. Kleine Kinder zum Vergleich zu nehmen finde ich ohnehin ungeeignet: Kinder fangen moralisch auf der „ich mache dies, weil ich dafür belohnt und andernfalls bestraft werde“-ebene an.
    Die immanente belohnung von Sachen (also z.B Geschirr spülen damit es ordentlich ist und man beim nächsten mal wieder geschirr zur verfügung hat) ist oftmals überhaupt nicht präsent. Das heisst, dieser Versuch mag einfach ungeeignet gewesen sein.

    Abgesehen davon: Spieler waren schon immer bereit, sachen zu tun, die man Arbeit (ohne Anführungszeichen) nennen kann, wenn sie dafür vom Spiel belohnt wurden. Completionist-Spieler wie ich haben Dragon Quest Monsters gespielt bis sie das letzte Monster gezüchtet haben.
    Wenn ich jetzt zusätzlich zu dem guten gefühl, das geschafft zu haben, auch noch einen kleinen Button bekomme, der mir das belegt, bin ich nur noch mehr motiviert, das zu tun.

    Anders ausgedrückt: Möglicherweise will ich nicht mehr nur alle monster sammeln, damit ich alle monster habe, sondern weil ich jetzt einen übergeordneten Beweis habe, dass ich es geschafft habe. Ich glaube, dass das meinen Spaß daran im schlimmsten fall ausgleicht, im besten Fall erhöht.

    Sollte diese Hypothese richtig liegen, sehe ich da höchstens in einer Hinsicht einen Grund zur reaktion: Spieledesigner können sich dessen bewusst sein und mehr „Arbeit“-Aufgaben ins Spiel einbauen, bzw. weniger. Aber das ist eigentlich alles.

    vetaro

    30. März 2010 at 4:32 pm

  7. Das Problem, dass Wähler manipuliert werden und die Gewählten moralisch ungeeignet sind (oder werden), lässt sich, wie ich befürchte grundsätzlich nicht lösen. Frühe Wirtschaftstheorien sind vom Konsumenten als rational ausgegangen, die Forschung hat gezeigt, dass das Humbug ist und Menschen ganz überwiegend irrational handeln. Menschen sind nicht gut oder böse, wie von den Philosophen im Ausgangseintrag behauptet, aber es mehren sich die Hinweise, dass sie unvernünftig sind.

    Evolutionär auch erstmal nicht überraschend.

    Die Achievement-These ist auch noch nicht hinreichend belegt, es sind auch noch keine gezielten Untersuchungen an Spielern gemacht worden, wäre aber mal ein interessantes Thema.

    Was „Arbeits“-Aufgaben angeht. Du bist Komplettist, ich zu einem gewissen Grad auch. Das heißt aber nicht, dass es gutes Gameplay ist, Leuten, solche Aufgaben vorzusetzen.

    Was mich an LOTRO am meisten nervt, sind solche Slayer-Deeds: „Töte 360 Würmer in Moria“ Da kriege ich das kalte Grausen. 360 Orks sind kein Problem, da gibt es genug Quests, die einen dazu animieren. Da ist das Töten von 360 Orks schnell nebenbei gemacht. Aber auf Teufel komm raus im Spawngebiet im Kreis zu rennen und Würmer zu plätten ist einfach nur stumpfsinnig, da kann keiner behaupten, dass das gutes Gameplay ist oder Spaß macht.

    Thorn

    31. März 2010 at 2:17 pm

  8. was ist aus den zeichnungen geworden? ich hatte da doch ein paar wirklich gute. vor allem die metallicratie hatte eine wirklich gute skizze. hast du die? hab ich die?

    stevie

    5. April 2010 at 11:35 pm

  9. die zeichnungen hattest du, dachte ich, aber vielleicht waren sie auch bei mir… ich schau morgen nach.

    vetaro

    6. April 2010 at 12:17 am

  10. Es ist wirklich erstaunlich, was man in allen möglichen Blogs zu lesen bekommt! Das reicht von gossenmäßigen gegenseitigen Beschimpfungen bis zu pseudowissenschaftlicher Klugscheißerei, die solchen Leuten wie denen der obengenannten UFO-Sekte alle Ehre machen würde. Hier allerdings stoße ich da auf etwas, was man woanders kaum lesen kann. Der Blogger macht sich wirklich ernst gemeinte Gedanken um die Zukunft der Menschheit, man kann fast meinen, er sorgt sich um sie. ABER: Wie die kritisierten Philosophen, zu denen z.B. auch Marx gehören müßte, hat auch der Blogger ein subjektives Bild von der „Natur“ des Menschen an sich. Ich habe Marx genannt, weil Ventaro oben meint, daß Kommunismus und Anarchie (eigentlich müßte es Anarchismus heißen, also die Lehre, nicht eine [un-]mögliche Staatsform) an sich keine schlechten Ideen seien.

    Marx war zwar nicht der erste Denker, der die Zukunft kommunistisch gestalten wollte, aber er war derjenige, der diese Termini einführte und wohl auch deshalb zur Koryphäe wurde. ABER: Auch Marx war ein Kind seiner Zeit, nämlich der Romantik. Nach romantischen Vorstellungen kommt der Mensch als eine Art „Gutmensch“ auf die Welt und wird dann von einer verdorbenen, auf den eigenen Vorteil fixierten Menschheit zum „Schlechtmenschen“ umerzogen. Romantiker betrachten den Menschen als an sich altruistisch, nur die jeweilige Gesellschaftsform würde ihn zum Egoisten machen. Daher meinte Marx folgerichtig, man müsse nur diese Gesellschftsordnung, die den Egoismus mehr als jede davor gewesene fördert, beseitigen und durch eine ersetzen, in der der Mensch Altruist sein MÜSSE, um überhaupt existieren zu konnen.

    Die Gesellschaftsform, die er sich dazu ausdachte, nannte er nach seiner philosophischen Lehre „kommunistisch“. Aber Marx war nicht allein auf dieser Welt. Sein Freund Engels war jünger und somit nur noch teilweise im Zeitalter der Romantik verwurzelt. Leider ist ihm gegenüber Marx zu wenig Anerkennung gezollt worden. Es wäre besser gewesen, wenn sich spätere Kommunisten etwas weniger am romantisierenden Marx und etwas mehr am pragmatischen Engels orientiert hätten. Obwohl selbst kinderlos (anders als Marx), hatte Engels erkannt, daß die Annahme vom „Gutmenschentum“ des Neugeborenen so nicht stimmen kann. Jede Mutter weiß, wie egoistisch ihr kleiner Schreihals ist! Das ist von der Natur sinnvollerweise so eingerichtet worden.

    Ansonsten gäbe es uns wahrscheinlich längst nicht mehr. Das zeigt uns aber, daß die Marxisten Ideologen sind, die sich weigern, die Tatsachen anzuerkennen, weil sie nicht ins schöne Weltbild passen, das eben bis heute auf romantischen Vorstellungen aufbaut. Hätte sich weiland Engels mehr gegen seinen Freund durchgesetzt, dann hätten wir es vielleicht nicht mit Marxisten, sondern mit Engelsisten zu tun, die die Welt weit weniger idiologisch sehen.

    Immerhin hatte Engels noch vom Totenbett aus Lenin für die mißglückte Revolution von 1905 scharf kritisiert. UND: In dieser Kritik hatte Engels sogar den Stalinismus vorhergesagt, falls Lenin sich bei einem erneuten Versuch durchsetzen sollte!!! Nach den Vorstellungen Engels war ein wie auch immer gearteter Kommunismus als Gesellschaftsordnung (nicht als Lehre!) nur dann sinnvoll einzuführen, wenn das Volk dafür reif genug sei und ihn bejahen würde.

    Lenin dagegen hielt das Volk für viel zu blöd, wollte aber nicht warten und führte deshalb 1917 den Zwangs-Kommunismus ein. Dazu mußte er allerding einen großen Teil der Lehre von Marx und Engels durch eigene Thesen ersetzen. Diese fielen dann aber auch weit weniger wissenschaftlich fundiert aus. Und die Marxsche Romantik (von der Lenin privat garnichts hielt) benutzte er dabei als Vehikel und Ausrede. Sowohl eine auf der Marxschen Gutmensch-Theorie als auch eine auf dem Leninschen Zwangs-Kommunismus aufgebaute gesellschaftliche Ordnung ist logischerweise zum Scheitern verurteilt, weil sie die Massen nicht integriert, sondern abschreckt, vor allem im zweiten Fall.

    Eine auf dem Anarchismus basierende Gesellschaftsornung kann überhaupt nicht funktionieren. Der Anarchismus lehnt jede beliebige Herrschaftsform ab. Das führt allerdings keineswegs dazu, daß sich die Menschen kollektivieren und sich selbst Regeln auferlegen, wie es sich die anarchistischen Philosophen so vorgestellt hatten.

    Im Gegenteil, in der Anarchie wird der Mensch zu „Einzelkämpfer“, zum totalen Egoisten und betrachtet den Rest der Menschheit als feindlich. Die Republik hat im Bürgerkrieg unter anderem aiuch deshalb keine Chance gegen Franco gehabt, weil über die Hälfte der Kämpfer Anarchisten waren und keinerlei Befehle akzeptierten! Jeder tat, was ihm gefiel, bis er fiel! Ein menschliches Zusammenleben ohne Regeln kann nicht funktionieren.

    Die Menschheit würde sich in die Altsteinzeit zurückkatapultieren, und selbst bei den Neandertalern ging es nicht ohne Regeln!
    Leider hat es seit Marx und Engels keine weiteren Philosophen gegeben, die sich Gedanken gemacht haben, was der bürgerlichen Gesellschaft mit ihrer kapitalistischen Wirtschaftsordnung (hier hatte sich die Marxsche Terminologie bekanntlich etwas vertan) nachfolgen könnte, denn auch sie wird nicht ewig existieren.

    Nichts ist für die Ewigkeit, auch nicht Gesellschaftsordnungen. Aber die Philosophen streiten sich lieber darum, ob Computer gut oder schlecht für die Fortentwicklung des menschlichen Geistes seien und derartige Dinge, so daß es niemanden unter ihnen gibt, der sich Gedanken um grundsätzliche Fragen macht. Vielleicht ist da unter Euch jemand?…

    Oscar alias xpenguin

    29. August 2011 at 2:57 pm

  11. Oho, ziemlich lange Kommunismus-Entmutigung die du da hast. Ich hab mir erlaubt, ein paar mal Enter in deinem Beitrag zu drücken um ihn selber lesen zu können.

    Seit ich das hier oben geschrieben habe, ist ein Jahr vergangen. Man merkt sicher, dass es zur hälfte aus albernheit entstanden ist. Mein Menschenbild hat sich ein wenig gewandelt, aber nicht so sehr dass ich meinem damaligen Selbst sagen würde, wie dämlich es war. Ich muss das vielleicht vor allem mal konkretisieren.

    Als ich sagte, Anarchie und Kommunismus seien an sich keine schlechten ideen meinte ich das tatsächlich so: Es sind keine *schlechten* Ideen. Eine *schlechte* idee ist zum Beispiel „hey, wie wärs wenn ihr jetzt alle macht was ich sage und wenn nicht töte ich euch. Idee 1: Gebt mir die Hälfte von Allem.“ – Beide konzepte hier sind aber mit dem Gedanken gemacht, dass man das Leben der meisten leute verbessern sollte, statt nur einiger weniger. Es sind „wohlmeinende“ Ideen gewesen.

    Aber, und jetzt sind wir bei der Moralbildung die ich oben erwähnt hab – diese freundlichen Menschen, die bereit wären mit allen zu teilen und das System nicht auszunutzen… die kann ich mir eigentlich nur in zwei situationen in der Realität vorstellen:
    1. In einer kleinen Gruppe ausserhalb unserer aktuellen Gesellschaften, wo man erst ungefähr als Erwachsener hinzu darf, weil man erst dann moralisch weit genug ist um das wirklich zu schaffen oder

    2. In einer kleinen Gruppe wo es halt nichts besonderes gibt und man eigentlich Jäger und Sammler ist, und zwar vor vielen tausenden Jahren (denn heutzutage würde das aus mehreren Gründen nicht mehr klappen).

    ——————————————————–

    Ich glaube, mein aktuelles Menschenbild ist ziemlich von Sex at Dawn geprägt, xpenguin. Ein Buch, das sehr ausführlich belegt, dass wir Menschen vor der Erfindung von Ackerbau (ca. Jahr -10 000) ein vermutlich gar nicht so schlimmes Leben geführt haben. Dass wir nicht andauernd an Hungersnöten starben, nicht super-scheiße zueinander waren (weil es überhaupt nichts gab, über das man krieg führen könnte) und insgesamt ziemlich gut damit klar kamen, dass alle mit allen alles teilten. Ausserdem belegt das Buch dass Menschen zu der zeit sehr vermutlich nicht monogam waren und deshalb heute mit Monogamie so schlecht klar kommen, das ist aber hier nebensächlich.

    Das Buch erwähnt auch Kommunismus kurz. Sie sagen, dass es auf einer falschen Prämisse basiert und der vorzeitliche „kommunismus“ funktionierte, weil die gruppen aus ~50 Personen bestanden. Sobald es zu viele Leute werden, funktioniert er nicht mehr.

    Und „Anarchie“ würde ich in einem ähnlichen Licht sehen. Der Gedanke, den ich bei dem Wort habe ist nicht „wir leben so weiter wie jetzt gerade bloß ohne Staat“ sondern „wir bilden wieder kleine gruppen unter 100 personen Größe, wo jeder jeden kennt und niemand anonym ist. Und dann entscheiden wir als kleine Gruppe was wir tun wollen“

    ——————————————————-

    Die Hauptgründe für Krieg, Diebstahl usw. sind erstmal, dass es etwas Geben muss, was man von den anderen haben will. Wir werden nie mehr nichts haben. Selbst wenn alles Wissen über das Erschaffen von Sachen sofort gelöscht würde und wir alle entscheiden würden, in die Wälder zurückzukehren, würden immernoch all die sachen existieren, die wir bis dahin gemacht haben. Es gäbe immer Leute, die das Zeug haben wollen.

    Die nächste Bedingung ist, dass es genügend Leute geben muss, dass es Konkurrenz gibt. Wenn du an die Primatengruppe aus 2001 denkst… die treffen vielleicht einmal in der Woche andere Leute. Die haben eigentlich keinen Grund, andere anzublaffen, weil sie genug Raum haben und im zweifelsfall einfach weggehen könnten. (Ausserdem haben die Anderen ja auch nichts, das sich wegzunehmen lohnt, weil Nahrung nicht gelagert wird.)
    Das ist ein weiteres problem, das wir nicht einfach lösen können. Durch keinen positiven schritt wird in der Zukunft die Menschheit weniger. Wir werden immer „eigentlich zu viele“ Leute sein. Es ist einfach weitestgehend unmöglich, Gruppen aus 50 Leuten zu bilden, weil irgendwo in Reichweite immer andere Leute leben würden.

    Und die letzte Bedingung ist vielleicht die eine, die mal einen positiven Blick auf die Welt wirft: Heutzutage sind vor allem jene Länder kriegerisch und jene Leute kriminell, denen es auf irgend eine Art wirklich schlecht geht. Genauso, wie man eigentlich kaum von Bankern hört, die Leute überfallen, von Hochschullehrern die Morde begehen und von Päpsten die Crack verkaufen, sind die Länder, die andauernd anderen drohen oder tatsächlich mal ’n paar Tausende Ausländer töten jene, wo man echte Probleme sehen kann.

    Amerika hat diesen ultra-heftigen Gott-Virus und sexuelle Repression. Russland & Friends hatten immerzu Probleme mit Versorgung und grundsätzlichem Klarkommen. Diese ganzen kriegerischen Diktaturen – die anzahl der Leute die da Happy sind oder waren, ist vermutlich zweistellig. Nordkorea? Wenn wir endlich von den Leuten darin erfahren werden und das Land frei betreten, sehen wir vermutlich KZ-artige zustände.

    ————————————–

    Und dieser letzte Punkt ist eigentlich mein Ansatzpunkt. Wenn wir wollen, dass Leute oder Länder weniger scheiße sind, haben wir nichts davon, zu sagen dass die Scheiße sind und jetzt gefälligst mal ausgewiesen / vernichtet gehören. Sondern wir können mal versuchen, ein paar dieser Probleme hier anzupacken:

    – Religion, inklusive sexueller Unterdrückung und Schuldgefühle für normales Verhalten
    – Gewalt gegen Kinder (selbst im übelsten Ghetto aufgewachsene Leute neigen nicht dazu, ihre Kinder zu schlagen wenn ihnen das selber nicht passiert ist)
    – Allgemeines Unwissen bzgl. simpler Wissenschaft und Skeptizismus

    Ich habe bewusst sachen wie „Hunger“ oder „Arbeitslosigkeit“ rausgelassen, weil wenn es für diese Probleme einfach so eine lösung gäbe, hätte die sich langsam mal etabliert. Ich halte diese paar Ziele für nicht so unmachbar und für miteinander verbunden. Es gibt eine direkte korrelation dazwischen, wie viel man über Wissenschaften weiß und wie wenig man an Religiöse Dinge glaubt.

    Es gibt direkte statistische beziehungen zwischen Religion und Unterdrückung der Armen, schlechter gesundheits-Versorgung, Jugendkriminalität usw. Man muss kein priester sein, um Sexuell unterdrückt zu sein – schon allein daran zu denken ist ja Thought-Crime. Dann fühlste dich schlecht, weil dir das bewusst wird. Dann staut sich das an. Und irgendwann muss das raus.

    —————————————

    Komm ich langsam auch mal zum Ende? Ich glaube, es geht nicht so sehr um Staatenformen, wenn man sich fragt wie man den Leuten ein besseres Leben bieten kann. Wenn ich jetzt praktisch eine globale Jugendbewegung an der Hand hätte und entscheiden darf, wogegen die jetzt mal spontan sein soll, glaube ich wäre der erste schritt, dass wir die kommende Generation wirklich über Religion aufklären, sie zu kritisch denkenden Menschen machen. Ich glaube das wäre eine gute Sache. Und ich glaube, es ist nicht so unmachbar wie viele andere Aufgaben, die man sich vornehmen könnte.

    vetaro

    30. August 2011 at 2:52 am


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