Hu

Lehren, die wir aus Digimon ziehen können

with 2 comments

Ich schaue grade wieder Digimon. Wenige Sachen wirken wohl so nostalgisch wie diese Serie auf mich. Und seit ich TVtropes kenne, kann ich auch viele Sachen in Worte fassen. Also analysieren wir die Serie doch mal nach Tropes und erfinden auf dem Weg eine ganze Reihe davon.

Das Haupt-Digimon muss immer irgendwie ein Drache sein. Ist bestimmt ein Fetisch.

Die zweite Digimon-Staffel ist an sich schon ziemlich geil: Während es neue Protagonisten gibt, die eine Handvoll Jahre später auftauchen, sind die original-Helden immernoch anwesend, und natürlich gealtert. Eine der wenigen Serien, wo man endlich richtige Charakter-Entwicklung erkennt.

Ausserdem (Hab‘ ich ja mal erwähnt) wird in dieser Staffel auch oft darauf eingegangen, wie es so ist, mit so einem Viech zusammen zu leben. Und das gehört zu den Sachen, die man als Zielgruppe unbedingt sehen möchte, so viel wie möglich. Wie die essen oder mit ihnen Baden und sie als Stofftiere tarnen.

Die Serie leidet aber auch daran, super-Klischeehaft zu sein. Es gibt eine ganze Reihe Tropes, auf die sie immer und immer wieder zurückfällt. Bevor wir darauf eingehen können, muss ich mal kurz erklären, wie praktisch jede Digimon-Folge aufgebaut ist:

1. Ein Gegner macht irgendwo irgendwas böses. Die Helden erscheinen.
2. Der Gegner stellt sich beim ersten Versuch als zu stark heraus. Die Gruppe muss fliehen o.ä.,  denn der Gegner ist unbesiegbar.
3. Die Gruppe wird (meistens temporär, für genau diese Folge) irgendwie stärker, indem
a) Eine neue Digitation entdeckt wird, ein Digimon also ein neues Level erreicht
b) Jemand befreundetes überraschend eingreift
c) Einer der Helden eine moralische Erkenntnis gewinnt und dadurch halt irgendwie so stärker wird.
4. Der Gegner wird mithilfe von 3. mit einem einzigen Schlag besiegt. Alle beteiligten Digimon sind ausgelaugt und müde und man geht nach Hause

Das ist, in der Praxis, dann doch deutlich cooler als es so klingt. Jedenfalls haben wir bei dieser Aufstellung bereits ein Trope gefunden: „Only the Author can save them now!“

Ausserdem gilt in der zweiten Staffel ein Trope, das ich noch nicht gefunden habe, aber mal „Your Moral is better, I surrender“ nenne (Alle un-verlinkten Tropes habe ich mal einfach so erfunden, weil sie entweder nicht existieren, oder mir ihre wahren Namen nicht bekannt sind):
Die Helden können noch so super-unterlegen sein: Wenn sie nur dazu kommen, mit dem Bösen zu sprechen, können sie ihm sagen, dass er böse ist, und dass man so nicht mit den Leuten umgehen sollte, dann zeigt der Böse sofort schwäche und gibt 5 Minuten später auf. konnte man ja auch nicht wissen, dass es nicht nett ist, Leute zu versklaven und auszupeitschen.

Renamon hat praktisch einen eigenen Fankult unter Furries. Von ihr gibt es wahrscheinlich mehr porn als von allen Charakteren aus Harry Potter zusammen.

In diesem Zusammenhang kommt „The truth, it hurts„: Diese Erkenntnis tut dem Bösen dermaßen weh, dass er sich hin und her windet und seine Pupillen klein werden.

Praktisch pure Basis dieser Serie ist „A story device calls“ – also Ereignisse, die offensichtlich und ausschließlich vorkommen, weil die Handlung weitergehen muss. Man wird das betreffende Digimon oder die Situation nie wieder erwähnen, sie ist absolut irrelevant, ausser in diesem einen moment, wo die Helden in irgend eine Richtung getrieben werden können. (Benannt ist dieses Trope nach Anrufen in Sitcoms und ähnlichen Kinofilmen, wo man den Anrufer nicht ein einziges mal hört, der auch nie auftreten wird, aber der Anruf zwingt die Hauptfiguren dazu, hektische Aktivität zu entfalten, um mit der veränderten Situation umzugehen.)

Dann gibt es noch „Everyone gets a say„, die zwanghafte Neigung dieser Serie, bei jeder sich bietenden gelegenheit jeden einzelnen Charakter zu Wort kommen zu lassen. Wenn zum Beispiel gerade Schritt 2 abläuft und die Gruppe besiegt wird, dann fallen die Digimon auf ihr niedrigstes Level zurück und die Helden rufen jeweils geschockt den Namen ihres eigenen Digimons – und zwar geschieht all das nicht logischerweise gleichzeitig, sondern in einer angemessenen Reihenfolge, sodass jeder genug zeit hat, dramatisch „PATAMON!“ „GABUMON!“ „LOREMON!“ zu rufen.  Das zieht sich durch alle Staffeln und jede einzelne Folge. Immerzu muss jeder einzeln seinen Senf dazu geben, und immer alle nacheinander.

My acting, it goes Shattner!“ Praktisch jeder einzelne Satz der gesamten Serie. Extremes Overacting. Ja, das kann man auch als Zeichentrickfigur. Bei allem wird geschrien, geächzt und so weiter.

Hier jetzt kurz eine Folge voll mit Beispielen des genannten. Bei 0:30 ein Beispiel von 3b). Bis zur ersten Minute dann ein Fall von Ein-Angriff-Tot. Ab 1:50 bis 2:30 kommt dann „Your Moral is better, I surrender“ und „Everyone gets a say“, ab 3:05 kommt dann „The truth, it hurts“.   Übrigens, ich hab‘ mich selten so gut mit einem Charakter identifizieren können wie mit dem Bösen da (vorallem in den nachfolgenden Episoden, die er weinend im Bett verbringt – und die letztendlich ein erwachsenes Umgehen damit zeigen, dass er für eine Weile praktisch Hitler war und was man danach tun sollte).

Weiter im Text. „He’s a Super-Saiyan 28!“ Natürlich. Das ist der zweite Grundpfeiler der Serie, auf dem auch „Only the Author can save them now“ basiert: Letztendlich ist Digimon ein großes Penisvergleichen der Digimon. Es ist eigentlich scheissegal, welche Sorte sie sind, welches Element sie vertreten, mit welcher Taktik man arbeitet. Digimon funktionieren nach dem Munchkin-System: „Du hast nur einen Wert, und das ist dein Level. Wenn dein Level höher ist, gewinnst du.“
Ich erinnere mich an keine Stelle, an der die Helden sich einen kreativen Plan ausgedacht hätten, um den Gegner zu besiegen: Entweder man hat mehr Qualität, oder man bekommt mehr Quantität. Aber ausser einem Arms Race fällt ihnen nichts ein. Und sobald die Guten dann endlich mal ihre Digimon auf die richtige Stärke gebracht haben, dauert es im höchsten Fall drei Schläge, bis sie gewinnen. Die Digimon-Kinofilme sind übrigens ein gutes Beispiel. Lachhaftestes Zitat überhaupt: „He’s Digivolving too fast!

Sehr wichtig auch „By the Power of Greyskull! , das alle Beteiligten dazu zwingt, alles laut in die Gegend zu brüllen was sie machen. Jedes Digimon schreit, wann immer möglich, den Namen seiner Attacken. Und wenn es digitiert, ruft es „IRGENDWASMON digitiert zuuuuuu – NOCHWASMON!“

Und zuletzt ist da noch das ziemlich wichtige „We can’t help you because.“ Die Helden der ersten Staffel sind während der zweiten praktisch die ganze Zeit im Hintergrund anwesend. Und der einzige Grund, weshalb sie nicht mit ihren Metalgreymons und was sie nicht alles zur Verfügung haben helfen lautet: Weil das hier jetzt Eure geschichte ist.
Aus diesem Grund sind die neuen Helden gezwungen, mit ihren billig-Digimon rumzuarbeiten und sich hochzuleveln, während die Welt um sie herum in tiefe Dunkelheit gestürzt wird. Die alten Helden helfen einfach deshalb nicht mit, weil dann die Story kaputt wäre.

Advertisements

Written by vetaro

27. Dezember 2009 um 4:38 pm

Veröffentlicht in Filme, Realität

Tagged with , , , , , , ,

2 Antworten

Subscribe to comments with RSS.

  1. Deine Analyse gefällt mir, auch wenn ich die erste Digimon-Staffel immer besser fand und bei der zweiten irgendwann abgeschaltet habe, weil sie mir zu blöd wurde… Wenn ich so drüber nachdenke, scheint fast jede Serie, die ich in meiner Kindheit gesehen habe, so ein Schema F aufzuweisen: Dragonball, Pokemon, Yugioh… Schon irgendwie schlimm, dass man damit Zuschauer vor die Glotze locken kann.

    Christian

    31. Dezember 2009 at 10:58 am

  2. Mhm also ich muss ganz klar sagen, so habe ich die Dinge noch nie gesehen, aber du hast recht 😀

    Es ist wirklich toll Dinge offengelegt zu sehen, die man als Kind nicht wargenommen hat.

    Anubis

    2. Januar 2010 at 12:36 am


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: