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Reflektion über Katzen

with 3 comments

Es ist Zeit, über Katzen zu schreiben.

Mein ganzes Leben lang hatte ich Katzen. Zuerst einen alterslosen Ex-Straßenkater namens Karl, der immerzu ziemlich reserviert war und den ich seltenst mal gestreichelt habe, weil er lieber unter Möbeln saß als dort wo ich ihn erreichen konnte.
Und, direkt einen Tag nachdem er starb (ich war da so vier oder fünf), zwei Jungkatzen, die gerade ins geeignete Alter gekommen waren, um adoptiert zu werden. Diese beiden habe ich bis heute.

>`_´<

Meine Mutter benannte die Graue, getigerte Schwester Kittie, und ich durfte die bunte Glückskatze benennen. Meine Namenswahl kann ich tatsächlich nur dadurch entschuldigen, dass ich höchstens fünf Jahre alt war, denn ich nannte sie Masseltoff. Der hebräischen bedeutung des Wortes wurde ich mir erst drei Jahre später bewusst, bis dahin hielt ich es für ein schönes Fantasiewort.

Kleine katzen zu haben ist, besonders wenn man selber klein ist, ziemlich schön. Man lernt, wie Annäherung funktioniert. Nach zwei Tagen ließen sie sich entspannt streicheln, nach Wochen auch am Bauch. Nach einem halben Jahr hatte ich es geschafft, dass sie in meinem bett schliefen.

Bei Katzen bedeuten grässlich verworrene Körperteile Entspannung.

Man lernt, wie Katzenspiele funktionieren (idealerweise funktionieren sie von selbst. Wenn man z.B. löcher in einen Schuhkarton macht, durch die sie nicht hinein passen, und innen drin ein kleines Bällchen an eine schnur von der Decke hängt, bespielen sich die Katzen praktisch von selbst.)

Und, wenn es nötig gewesen wäre, hätte ich zum Zeitpunkt ihrer Kastrierung auch gut erklärt bekommen können, wie das mit den Katzen und den Katern funktioniert, ich neigte aber als kleines Kind dazu, Fragen zu stellen, und meine Mutter beantwortete Fragen.

Masseltoff verließ nie das Haus, Kittie gewöhnte es sich aber an, über den Balkon knapp 2 Meter in die Tiefe zu sausen (wir wohnten in der 0,5ten Etage), um die Gegend um den Kriegsschutzbunker gegenüber zu erkunden. Regelmäßig kehrte sie, aufrecht die Wand entlang gehend, zurück und brachte uns gefangene Mäuse. Katzen akzeptieren ihre Besitzer zwar einerseits als Eltern, sind aber andererseits der Ansicht, dass wir grässliche Jäger sind und sie deshalb zur ernährung der Familie beitragen müssen.

Manchmal brachte sie auch lebendige, damit wir lernen könnten, wie man sie fängt. Mit 8 entwickelte ich eine entsprechende Technik: Ich hatte gerade zufälligerweise eine dieser Röhren im Zimmer, in die man normalerweise aufgerollte Kunstwerke rein legte. Da Mäuse (ähnlich wie Katzen) die krankhafte neigung haben, in dunkle Öffnungen hinein zu fliehen, musste man die Röhre nur vor ihr versteck halten, um sie hinein zu locken – und konnte dann mit der Röhre wieder zum Bunker gehen und die Maus raus lassen.

Die schaut immer so böse.

Als ich etwa sieben war, verschwand Kittie für zwei Monate. Ich war derjenige, der am längsten davon überzeugt war, dass sie wiederkommen würde, weil ich damals schon Desmond Morris gelesen hatte, und wusste, dass das manchmal passiert, und die meiste Zeit nicht, weil die Katze tot ist. Und eines Tages kam sie wieder, sehr dürr, und wollte rein gelassen werden. Das kommt bei Katzen eben manchmal vor.

Masseltoff hat sich bis heute noch nicht in die Aussenwelt gewagt. Obwohl die beiden Wurfgeschwister sind, würde das niemand auf anhieb annehmen. Kittie war immer die kluge, und M’off immer die hübsche. Die meiste Zeit über begnügte sie sich nach damit, ansprechende Dekoration zu sein und an zentralen Stellen zu sitzen, um allen anderen zusehen zu können. Fremde fühlten sich manchmal an den Film erinnert, in dem eine ganze Generation Kinder in einem Dorf vom Satan befallen ist oder so, weshalb sie einen endlos anstarrten (und am Ende alle töten, natürlich).

Wenn man Katzen hat, geht man beinahe unweigerlich einige Kompromisse ein, die zu Ritualen werden und von nicht-Katzenbesitzer für ziemlich drollig gehalten werden. Kittie neigte zum Beispiel schon immer dazu, besonderes Wasser haben zu wollen. Das Wasser aus dem Katzennapf war ihr nicht lieb genug, es musste fließendes Wasser sein, aus der Badewanne. Klar, macht man ihr den Hahn auf minimaler Stufe an, die Katze trinkt kurz, und geht dann weg.

Und Essen. Es gibt eine art Grundregel: Wenn man einer Katze eine neue Futtersorte gibt, stürzt sie sich mit heißhunger darauf und verputzt es in einem Haps. Begeistert geht man in den Laden und kauft drei Paletten, um festzustellen, dass jede weitere Portion von der Katze mit einem schnüffeln und dann absolutem Desinteresse quittiert werden.

Und die sieht immer so nach "Hä?" aus.

Türen sind das schlimmste. Katzen hassen Türen. Man hat das gefühl, sie wären erbfeinde wie Hunde, die rein aus prinzip bekämpft werden müssen. Die Hauptmethode dabei ist „Sitzen und miauen“ und „an der Tür schaben“. Wichtig: Es geht nicht darum, dass man an das kommt, was dahinter liegt. Katzen wollen einfach nur, dass die Tür offen ist.
Will man hingegen, dass sie durch eine Tür durch gehen, bleibt nur eines übrig: Man muss sie verschwörerisch öffnen, nur ein bisschen. In dem Fall steht die Katze auf, um rauszufinden, was es wohl damit auf sich hat. Huh, eine Tür durch die ich heute erst fünf mal durch gegangen bin ist einen Spalt weit offen! Mal sehen was dahinter steckt!

Ansonsten beschäftigen Katzen sich vorallem mit Dingen wie Ausdauersitzen und Starren. Besonders Maseltoff hat sich angewöhnt, an zentralen stellen zu sitzen, um zusehen zu können, wenn Leute rumlaufen. Ausserdem bemerken sie gerne Sachen, die ihre Menschen nicht wahrnehmen. Regelmäßig erwischt man sich dabei, dem aufgeregten Kopfzucken seiner Katze zu folgen, nur um sekundenlang auf eine absolut uninteressante Wand zu starren.

Und letztens sind wir dann umgezogen. Wir entschieden uns dafür, die Katzen eher dem schockierenden anblick einer immer leerer werdenden Wohnung auszusetzen, anstatt sie in eine völlig unbekannte Umgebung zu werfen, in der fremde Männer rumtrampeln. Als wir am Abend alle Möbel drüben hatten (Der Haupt-Teil unseres Umzuges brauchte tatsächlich keine zwei Tage durch den effektiven vorangehenden Möbelcaust) stopften wir sie in Kisten und brachten sie rüber. Katzen können unheimlich kläglich miauen.

Und dann dauerte es keine zwei Tage, bis die beiden sind eingelebt hatten. Sehr schnell hatte man den Eindruck, sie hätten die andere Wohnung praktisch vergessen – und auch wenn ich das nicht direkt glaube, gehe ich davon aus, dass sie einfach keine „emotionale Bindung“ an einen Ort aufgebaut haben wie wir – bzw. wie meine Mutter: Ich vermisse die alte Wohnung nicht. Es war halt einfach eine Wohnung. Vielleicht geht es den Katzen ähnlich.

Zwei Etagen sind sehr hilfreich. Innerhalb einer Woche hatte sich ein Hoheitsgebiet etabliert: Masseltof unten, Kittie unten. Manchmal besuchen sie sich gegenseitig.

Zottelig und alt, aber die Gier lässt den Hals ziemlich lang werden.

Und jetzt ist Kittie sehr alt. Masseltof ist, technisch gesehen, genauso alt. Aber man sieht es ihr nicht an, sie könnte genauso gut sieben sein, nicht fünfzehn. Katzen sind, so sagt man, erst im letzten Jahr ihres Lebens wirklich alt. Bei Kittie hält das schon länger als ein Jahr an.

Sie macht auch bewusst eine große Sache aus ihrem Alter und tut so,als ob ihr bereits sprünge auf die Badewanne schwer fielen. Aber wenn sie gerade nicht daran denkt, weil z.B. die Hunger-Gier an ihr nagt, geht das alles plötzlich wieder. Sie ist aber knochig geworden, manchmal kriegt sie die Augen nicht richtig auf, und ihr Atem riecht so stark dass er sichtbar sein sollte. Als Fleischfresser hat man eben irgendwann Nieren-Probleme, da lässt sich nicht viel machen.

Ich weiß noch nicht wie es mir geht, in Anbetracht der Situation, dass sie wahrscheinlich noch vor November stirbt. Ich finde es in dem Sinne nicht schlimm, sie zeigt nicht, dass es ihr schlecht ginge. Sehr wahrscheinlich wird sie einfach entschlafen. Ich bin wegen dieser Erwartung nicht traurig.

Was mich eher besorgt ist, dass man von mir zu erwarten scheint, traurig zu sein. Oder zumindest dann traurig zu sein. Ich bin sicherlich bemüht rational und trocken. Mache ich etwas falsch, wenn ich es nicht traurig finde, dass meine Katze stirbt, wenn es ihr (soweit wir das wissen) nicht schlecht geht oder ging?

Ist das vielleicht Herzlos oder weist auf irgendein emotionales Defizit hin? Ich hoffe nicht. Ich kann doch auch nichts dafür, dass ich Dr. House bin.

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Written by vetaro

16. Oktober 2009 um 10:11 pm

Veröffentlicht in Realität

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3 Antworten

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  1. Nach dem Klick hätte ich jetzt einen ausführlichen Beitrag zu den Kilrathis erwartet. Interessant. Katzencontent.

    elbenno

    18. Oktober 2009 at 3:43 pm

  2. Ich denke nicht, dass dich das herzlos macht.
    Als mein kleiner Hund einmal weggelaufen war, haben mich auch Schuldgefühle geplagt, weil ich, für mein Empfinden, nicht so berührt davon war, wie ich mir vorgestellt hatte, dass man es von mir erwartet.
    Umso größer war dann die Erleichterung, als er wieder da war.
    Ich weiß auch nicht genau, was das ist. Aber es ist auf jeden Fall weder Herzlos, noch ein „emotionales Defizit.“ Ich denke vielmehr, dass die emotionale Bindung an ein Wesen oder einen Gegenstand sich absolut unbewusst bildet und wir keinen Einfluss darauf haben. 🙂

    Kostja

    19. Oktober 2009 at 2:58 am

  3. Sehr unterhaltsamer & interessanter Text 🙂

    Lorghi

    8. November 2009 at 1:41 am


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