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Widerstand gegen den Medienfaschismus

with 7 comments

Als ich gestern nacht mit Fieber Max Goldt laß, formten sich zwei Gedanken die ich schon länger habe zu Formulierungen, die man anderen Leuten mitteilen kann:

– Ich mag keinen Deutschunterricht, weil man dort mit medienfaschismus zugeballert wird. Ich merke, wie ich mit jedem Schuljahr anders an Texte und Filme etc. herangehe, weil ich nunmal das lernen muss, was in Deutsch drankommt, weil man das Fach nicht abwählen kann.

– Max Goldt kann mit dem was man im Deutschunterricht lernt nicht bearbeitet werden. Deshalb habe ich ihn wohl so gerne.

Was ist jetzt Medienfaschismus? Naja…

Als kleines Kind lernt man, dass es Jungen und Mädchen gibt. Und dass „wenn Mami und Papi sich lieben…“ etc. Wenn man nun einige Jahre später von Homosexualität hört, oder viele Jahre Später zum ersten Mal von Hermaphroditismus, ist man schockiert. Allgemeine Nichtakzeptanz herrscht noch immer. Wieso? Weil man den Kindern nicht beigebracht hat, dass es Jungen und Mädchen und manchmal zwischenformen gibt. Oder dass auch zwei Papis oder zwei Mamis sich lieben können.

Im Deutschunterricht lernen wir seit Sechs jahren, dass Texte eine Einleitung, einen Hauptteil und einen Schluss haben. Dass es Metaphern und Alliterationen gibt, und dass in Filmen und Büchern nie etwas ohne Bedeutung passiert. Und so weiter.*

Jetzt stellt sich aber heraus, dass Max Goldt ein Medienhermaphrodit ist. Seine Texte sind einfach nicht so. Natürlich beginnen und enden sie, aber das ist etwas anderes. Mir ist auch, ausser Funny van Dannen, kein anderer Autor bekannt, der auf diese Art schreibt. Max verzichtet auf Metaphern, doppelte Bedeutungsebenen, sprachliche Mittel und sonstige Kniffe. Der mit diesem Autor unvertraute Leser mag nun sagen: ‚Ja dann ist der Herr Goldt eben  kein besonders guter Autor im Sinne des Deutschunterrichtes.‘

Dazu muss ich sagen: Stimmt nicht, setzen. Das Problem ist, dass ich nur Sagen kann, was er nicht ist. Da sich der Medienfaschismus so tief in meinen Kopf gebrannt hat, fehlen mir Vokabeln, um zu beschreiben, was er macht. Man muss ihn eben lesen. Und bis man sich ein Bild von ihm machen kann, muss man wahrscheinlich mehr als ein Buch von ihm gelesen haben.

Wer nicht an ihn gewöhnt (und genug indoktriniert) ist, wird zu Beginn immerzu versuchen, seine Texte nach den alten Werten zu bewerten. „Bedeutet das jetzt irgendwas tieferes, was ich gerade gelesen habe?“ „Was will mir der mann mitteilen?“ – Das ist die Falsche Art (Das ist mein Standpunkt, nicht Die Wahrheit).

Man muss sich entspannen, ausatmen, und in diesem Atem alles was man gelernt hat mit hinaus pusten. Und dann strömen seine Worte und Titel in einen hinein, machen einen manchmal ein bisschen weiser, aber vorallem sind sie nicht männlein oder weiblein. Sie sind nicht besser oder schlechter als eingeschlechtliche Texte. Wenn es eine Skala gäbe, auf der Oben und Unten für Gut und Schlecht stünden, wären seine Texte Oben. Allerdings einen halben Meter weiter rechts.

__________________________________________________

* Ich kritisiere auch schon seit jahren, dass man im Deutschunterricht über 7 Schuljahre hinweg nichts neues lernt sondern nur immer mehr indoktriniert wird. Textbearbeitung und so macht man noch im Abitur. Das ist das einzige Fach, in dem man praktisch keinen sinnvollen Fortschritt macht.

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Written by vetaro

15. Mai 2009 um 5:52 am

7 Antworten

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  1. 1. Ich habe schon lange gelernt, die Medien nicht mehr ernst zu nehmen. Ich lese es, ich schüttle den Kopf usw… Aber ich glaub Sachen, die auf Gruppen/Szenen bezogen sind erst, wenn ichs selbst erlebt habe… Mein Lieblingsbeispiel ist Skinhead=Nazi. Ich hab das mittlerweile so satt, dass jeder der festen Überzeugung ist, dass es so ist, dass ich gar nicht mehr versuche, jemanden vom Gegenteil zu überzeugen. Ich werde nur dümmlich angestarrt… Wieso? Die Zeitung sagt was andres… Die Zeitung weiss alles… Ach ja… Die Zeitung spielt auch alles immer 5 Mal schlimmer aus, als es oftmals effektiv ist…
    2. Den Deutschunterricht den ich erfahren durfte fand ich nur lächerlich… Ich hab in meiner Lehre sozusagen meine letzten 3 Jahre nochmals wiederholt… Grammatik und der ganze sinnlose Mist (ja, es gibt Dinge in der deutschen Sprache, die man als Normalsterblicher einfach nicht wissen muss), den niemand braucht… Textdeutungen war ich eigentlich immer gut… Vorallem weil ich Zweideutige und unklare Texte liebe ;).

    Cormagh

    15. Mai 2009 at 9:45 pm

  2. Um den ganzen Teil 1 geht’s gar nicht, und der letzte Satz von Teil 2 ist der, um den es ging: Meine Meinung ist nämlich das Gegenteil von deiner.

    Textdeutung. Das ist es, was ich mit medienfaschismus meine. Ordentliche Autoren schreiben zweideutig und hintergründig bla bla. Sowas lernt man im Deutschuntericht.

    Dass es aber auch völlig anders gehen könnte, wenn nicht alle leute so verdammt darauf eingeschworen würden, dass es nicht anders geht, ist den leuten gar nicht bewusst. *Weil* alle schon so tief darin stecken!

    vetaro

    16. Mai 2009 at 2:49 am

  3. Das ging mir aber auch in Kunst so, warum ein Künstler kein Bild malen, nur weil es einfach schön ist?

    Warum hat er immer tausend Hintergedanken?

    Der Grund warum der Male den Himmel blau gemalt hat, ist nicht der, dass der Himmel blau ist, nein, er wollte seine Sehnsucht zu der Freiheit in dieser Farbe ausdrücken. Wenn ich Künstler werde, dann male ich einfach, und überlege mir nicht vorher ganz genau, wie ich was male und auswelchem Grund und wie diese Farben zueinander stehen, damit sie dies und das ausdrücken.

    Ata

    16. Mai 2009 at 1:11 pm

  4. Da fällt mir eine nette Geschichte ein.
    Eine Freundin von mir hat mal im Deutsch-Untericht einen Text durchgenommen. Der Text war von einer befreundeten Autorin geschrieben worden.
    Aufgabe waren also die üblichen Verdächigen, Analyse, Interpretation, blabla.
    Sie ist also einfach zu ebendieser Autorin gegangen und hat sich ein paar Stunden mit ihr unterhalten und dann alles aufgeschrieben.
    Die Deutsch-Lehrerin meinte am folgenden Tag, dass ihre Interpretation _völlig falsch_ sei und ließ sich nicht davon überzeugen, dass die Autorin sich wirklich _genau das_ gedachte hatte, was in der Interpretation meiner oben genannten Freundin stand.

    -bloodberry-

    18. Mai 2009 at 12:50 pm

  5. ich habe gestern einen Text von Max Goldt gelesen, in dem er in einem Abschnitt (denn seine Texte gehen ja queerbet über alles was es zu erzählen gibt) alliterationen abgehandelt hat. Er sagte ungefähr, dass es viel aufwändiger ist einen Text ganz ohne Alliterationen zu schreiben, als einen mit, und das alliterationen beim lesen viel zu ernst genommen werden, weil sich manche dinge eben nur so ausdrücken lassen (sein beispiel, wenn gabi gertrud gift gibt, wie will man das anders sagen??), es eben deswegen einen menschen als schreiber viel mehr auszeichnet mal nicht so einen blödsinn zu schreiben…

    irgendwie passt das zu dem was du sagst

    stevie

    20. Mai 2009 at 4:47 pm

  6. Ein wenig mehr Aufmerksamkeit im Deutschunterricht hätte Deiner Groß- und Kleinschreibung gut getan.

    Jordan

    24. September 2009 at 10:21 pm

  7. Dissss

    vetaro

    24. September 2009 at 11:15 pm


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