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Es ist Zeit für Todesangst

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Wir wollen nicht sterben, weil wir alles verlieren könnten.

Warum wollen Leute MMOGs nicht aufgeben? Weil sie Todesangst haben.

Damit befassen wir uns jetzt mal.

Das ist eine Meinung, die ich für sehr selbstverständlich halte, doch den Leuten scheint sie nicht bewusst zu sein. Daher dieser Eintrag.

Warum wollen wir nicht sterben? Angst vor Schmerzen? Eher nicht. Wir sind die ganze Zeit Schmerzen ausgesetzt. Aber wir haben keine „von Autos zerquetscht werden“-Angst. Keine „Von Tigern gefressen werden“-Angst. Wir haben solche Ängste natürlich, aber sie sind mit der lähmenden Natur von Todesangst kein bisschen vergleichbar. Schmerz scheint nicht das problem zu sein: Danach ist ja auch alles wieder schön. Leute die vom Blitz getroffen wurden, berichten nicht hauptsächlich davon, wie verdammt weh das getan hat.

Angst vor dem danach kommenden? Das ist eher ein religiöses Problem.  Interessanterweise treibt es zu vorauseilendem Gehorsam an: „Ich benehme mich jetzt gut, damit ich nach dem Tod nicht in die Hölle komme“. Dabei handelt es sich aber eher um eine Höllenangst (ha-ha), die sollten Hindus oder ungläubige nicht haben – und dennoch sind sie nicht Immun gegen diese Ängste.

Todesangst kommt am allerwahrscheinlichsten von der Angst vor dem Verlust von allem, was man besitzt und erarbeitet hat. Im Zusammenhang damit steht die Furcht, dass sich niemand an einen erinnern wird.

Dabei muss man bedenken, dass wir, die nicht im Bewusstsein leben, sehr bald nicht mehr zu leben, das ganze so sehen. „Verlass mich nicht!“ ruft die Ehefrau ihrem dahinscheidenden Mann zu, doch der ist bereits auf einer anderen Bewusstseins-Ebene und sorgt sich um andere Dinge – oder eben nicht.

Wer kurz davor steht zu Sterben, schaltet mental um. Wir kennen alle die fünf Phasen des Sterbens, die ein Todgeweihter automatisch durchmacht. Besonders die vierte, die depressive Phase, ist ein sehr gutes Beispiel für die Verlustängste. Und wer mit sich und der Welt fertig ist, interessiert sich kaum noch für die Aussenwelt. Er versucht nicht mehr, irgendetwas zu erreichen oder zu bewerkstelligen, weil ihm bewusst ist, dass das Leben für ihn vorbei ist und es sich nicht mehr lohnt.

Wenn Todesangst darin besteht, dass man fürchtet, allen Besitz und ohnehin alles zu verlieren, passt alles zusammen.

Das ist nicht sexy - sie ist praktisch tot.

Das ist nicht sexy - sie ist praktisch tot.

Und nun schwenken wir um. Zu Spielen. Zu Massig-Spieler-Im-Netz-Rollenspielen (MSINR), wie der Nazi sagt*.

Wer ein solches Spiel spielt, kann nicht mehr gut aufhören. Es wird schwerer, wenn man weit gekommen ist. Meinen Testaccount bei WAR aufzugeben war kein problem – ich hatte nichts erreicht und nichts zu verlieren.

Meinen Account bei WoW aufzugeben, als vor 2 Jahren Herr der Ringe Online erschien, war nicht schwer: Ich war nicht sozial eingebunden (hielt die Mitspieler sogar für Blödiane) und hatte ausser vielen gelevelten Charakteren nichts „erreicht“, ich trug keine großartige Rüstung und hatte noch nichtmal irgendwelche schweren Instanzen betreten.

Ich war mir jedoch bewusst, wie wichtig es ist, in diesem Spiel zu sterben, um es hinter mir zu lassen. Ich übersprang die meisten Phasen, zog allen Charakteren alles aus, verkaufte alles, und schenkte den wenigen Bekannten die ich dort hatte und zurücklassen würde knapp 1200 Goldstücke. Erbe.

Wer mit einem Spiel aufhört, sollte das machen. Es macht die gesamte Aktion endgültig, und es hilft Mitspielern. Wer nicht bereit ist, seine Charaktere bis auf die Unterwäsche auszuziehen (ausser man ist in AoC, dann auch die) und alles wegzugeben (inklusive, dass man ihnen das Versprechen abnimmt, dass sie einem das Geld nicht zurückgeben werden), der ist auch noch nicht bereit, sein Spiel hinter sich zu lassen. Der hat Todesangst. Er will nicht verlieren, was er erarbeitet hat.

Und er will das Spiel an sich auch noch nicht verlassen. Er will die Möglichkeit haben, dorthin zurückkehren zu können. Wenn es ihm im Afterlife nicht gefällt.

Und genau das fällt den Spielern so schwer: Sie haben die gleichen Ängste wie Menschen im echten Leben: Sie fürchten nicht nur, das bekannte Terrain zu verlassen und irgendwo hin zu gehen, wo es möglicherweise blöd ist (Age of Conan ist ja praktisch die Hölle), sondern vorallem, dass das, wo sie ihr Leben hinein gesteckt haben (im Fall von echter Todesangst hat man sogar sein ganzes Leben in sein Leben gesteckt), verloren gehen könnte, dass ihre Mühen umsonst sein könnten, und – in Onlinespielen besonders präsent: Dass sie vergessen werden. Was eine berechtigte Sorge ist, denn genau das machen MSINRler, wenn jemand irgendwann nicht mehr mit ihnen kontakt aufnimmt. Auch wenn die dahinscheidende Person einen besonderen Ruf hatte.

Tod im Spiel - wie z.B. von einer Witch zerfleischt zu werden - ist kein Problem: Man erscheint ja danach wieder.

Tod im Spiel - wie z.B. von einer Witch zerfleischt zu werden - ist kein Problem: Man erscheint ja danach wieder.

Überlegungen über den Tod sind so furchtbar theoretisch und haben die Tendenz, wenn man sie weiterführt, in Bereiche zu führen, die nicht mehr Wissenschaftlich belegbar und ohnehin irgenwie vain sind. Doch in der Spieltheorie** gibt es viel Raum zu solchen Überlegungen, die beinahe analog auf die Realität übertragen werden können. Es ist ein weites Feld, die meisten Gedanken dazu habe ich noch nicht einmal geäussert – aber der Artikel ist bereits an dieser Stelle ziemlich ausgeartet. Ein Andernmal vielleicht. (Übrigens, klick. Passt zum Thema, schweift aber ab.)

Habt ihr dazu eine Meinung? Ist vielleicht meine ganze Erklärung von Todesangst falsch, habt ihr schon immer etwas völlig anderes geglaubt – oder genau das gleiche? Welche weiterführenden Gedanken fallen Euch zum Tod im Spiel ein? Und: Seid ihr auch schon einmal derartig gestorben?

_________________________________________________

* Zumindest habe ich gerade erfunden, dass Deutschtümmler sowas sagen, in Wahrheit ist MSINR frei erfunden.

** Ich meine hierbei natürlich nicht die echte und auch ziemlich coole Spieltheorie, ich meine meine persönlichen, theoretischen Gedanken, die sich mit Spielen befassen.

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Written by vetaro

21. März 2009 um 11:56 pm

5 Antworten

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  1. Habe vor 4 Jahren meine Diablo 2 Accounts komplett geleert und alle Items auf allen Chars in ingame Gold verwandelt (nichts wert), das Geld auf den Boden geworfen und das Spiel verlassen.
    Musste sein, weil ich zu viel gespielt hatte. 😀

    Also ja, mir ist das schonmal passiert, dass ich jahrelange „Arbeit“ dem Tod geweiht habe.
    Und es war sehr schwer.
    Ich spiele das Spiel übrigens noch immer, allerdings nicht mehr online.

    -bloodberry-

    22. März 2009 at 4:46 pm

  2. Ich habe selbiges Problem mit einem Browser-RPG… Ich habs über 2 Jahren gespielt, nachdem die Admins das Projekt „lahm gelegt haben“. (Alles was noch kommen hätte sollen, was das Spiel, in meinen Augen, komplettiert hätte und es zum besten Browsergame überhaupt machen hätte sollen, wurde abgebrochen).
    Ausserdem wurden 2 von 3 Welten gelöscht (ausgerechnet in einer davon hatte ich extrem viel Arbeit investiert, was mich extrem geärgert hat).

    Die dritte Welt blieb erhalten, aber verlor zunehmend an Wert… Die Leute waren demotiviert, ich auch… Seitdem mach ich nix mehr gescheites… Habe aber zwei Anläufe genommen aufzuhören, einmal davon hab ich mich von allen Bekannten für immer verabschiedet… Habe höflicherweise noch eine Woche warten wollen, um auf Reaktion zu warten und… Ich spiels noch… Sehr passiv und sinnlos… Aber ich spiels… Weil ich nicht loslassen kann… Und genau aufgrund dieser genannten Theorie, ich habe viel erreicht, ich habe Gemeinschaften aufgebaut, Städte erbaut, Lager geplündert, mir einen Namen gemacht etc…

    Eine zusätzliche Todesangst ist es (zumindest aus meiner Sicht). Zum einen im Moment des Sterbens sich nicht verabschieden zu können um zum zweiten sich von Menschen verabschieden zu müssen, die man mochte und ihnen somit weh tut, ob gewollt oder nicht…

    Cormagh

    12. April 2009 at 9:04 pm

  3. Witzig, wie du WoW aufgehört hast erinnert mich an mich. Ich habe mich damals (2006)auch ausgezogen, alles verkauft und das Gold der Gilde vermacht. Hab mir dann einen Smoking geschneidert, bin zurück nach Deathknell geritten, hab mein treues Ross in die Freiheit entlassen und mich zum Abschluss in die Gruft gelegt…und dann für immer Offline gegangen.
    Das nenn ich Rollenspiel!

    Tralgas

    14. Mai 2009 at 8:18 am

  4. Hm, ich als Mensch der schon Selbstmordversuche hinter sich hat, kann die ganze Theorie über Todesangst nicht wirklich nachvollziehen. Der Tot ist gewiss nichts wovor man sich fürchten muss, die Schmerzen allerdings schon und da geht die annahme mit dem Blitschlag fehl. Vor allem wenn einem selbst etwas passiert und man stundenlange Schmerzen hat, vertreibt einem das die Lust auf den Tot nachhaltig.

    Einen Charakter auf Eis zu legen, selbst wenn ich ihn Jahrelang gespielt habe, war für mich auch nie ein Problem. Einfach Löschen, schwupp weg.
    Deswegen denke ich das man dieses Thema nicht verallgemeinern kann.

    Rabe

    12. Juni 2010 at 7:48 am

  5. Das, was du schreibst ist logisch nachvollziehbar und du triffst mit deinen Aussagen den KErn der Sache: Wer nicht bereit ist im Spiel alles aufzugeben, was man erreicht hat, wird wahrscheinlich wieder zurückkehren.
    Auf jeden Fall hat mich dein Text zum Nachdenken angeregt.

    Prilus

    14. Juni 2010 at 8:54 pm


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