Hu

Eine Wolke, auf der man keinen Husten bekommt

with 3 comments

Seit Wochen bin ich am Recherchieren nach zwei bestimmten Texten von Max Goldt. Einen habe ich endlich gefunden. Es geht um das Thema „Bücher und Bücher wegschmeissen“.

Bücher hab ich ja auch letztens in großen Mengen weggeschmissen, und ich bin mir sehr dankbar, dass mir dieser Text hier den Rücken stärkt, denn die Reaktionen wenn ich Leuten von meiner Tätigkeit erzählte, waren allesamt empört und ungläubig.

Im Anschluss also „Eine Wolke, auf der man keinen Husten bekommt“ aus dem Jahre 1997, auffindbar im Buch >Mindboggling< – Evening Post.

Und wehe ihr lest den Text nicht, dann entziehe ich euch die Berechtigung, diesen Blog weiter zu lesen. Denkt erst mal dran, wie viel Mühe ich mit dem Abtippen hatte.

[..] Kein Wunder, daß die meisten Leute ihre Zeitschriften lieber nicht aufheben. ABer was für ein Gewese machen sie um Bücher! Vor meinem letzten Umzug entschloß ich mich zu Maßnahmen, die übersensibilisierte Wesen an gewisse Maßnahmen unerfreulicher Regimes hätten erinnern können.

„Mülltonne, verschlinge ide Schriften von Kurt Vonnegut und Philip Roth“, dachte ich vergnügt beim Füllen des Papiercontainers im Hof. Ich würde vor lauter Falschverstandenheit gern in ein kaltes Wasser fallen, wenn nun gemeint wird, ich hätte was gegen diese Autoren. Gewiß nicht!

Aber muss ich ihre Werke, nur weil sie mir vor zehn Jahren mal während einer Bahnreise zerstreuung boten, mein ganzes Leben lang aufbewahren, von einer Wohnung in die nächste mitschleppen, den knappen Wohnraum mit Regalen verschandeln?

Zumal es sich ja auch nur um schäbig gemachte Taschenbuchausgaben mit nämlichen Pressezitaten auf dem Rücken handelte. „Eine hinreißende Chaplinade aus meisterhaft erzählter Zeitgeschichte und beißender Ironie“ (‚Nürnberger Nachrichten‘) steht ja auf solchen Büchern immer hinten drauf.

Darauf, dass ein solches Allerweltsgebrabbel ein Buch entwertet, wird man in den Verlagen wohl nie kommen. Schlimmer noch treiben’s die Amerikaner und Briten. Da werden die Pressezitate manchmal gleich auf die Vorderseite gesetzt, und oft bestehen sie nur aus einem Wort. “ ‚Hilarious‘ – Evening Post“ steht dann da.

Und wer weiß, was in der ‚Evening Post‘ vollständig gestanden hat? Möglicherweise „This book is not at all hilarious. It’s rather boring.“ Weiß man’s? Will es wer nachprüfen? Wohl kaum.

Ich wüßte jedenfalls nicht, warum man abgelegter Freizeitlektüre mehr Fürsorge angedeihen lassen sollte als einer ausgedienten Illustrierten. Außerdem fangen staubige Bücher irgendwann an zu riechen wie alte Schweizer Militärrucksäcke. Man kann wirklich nicht zu jedem irgendwann mal aus Trotteligkeit gekauften Buch eine emotionale Bindung aufbauen.

Die Situation ist doch bei jung und alt bekannt: Man hat einen Termin bei der Wahrsagerin, um 9 Uhr morgens steht man gebürstet und in vollem Staatswichs vor deren Praxis. Doch dann liest man auf einem Messingschild: „Sprechstunde leider erst um 9 Uhr 30“.

Also vertreibt man sich ein bisschen die Zeit in der Buchhandlung im Erdgeschoß. Dort springt ein reich bebildertes Buch namens „Vollwertküche für Eilige“ für 9.95 ins Auge. „Ach, wie schön, dann kann ich mal Gorgonzola-Quinoa-Knödel machen“, sagt man und kauft das Ding, was inskünftig jahrelang zwischen einem Waldschaden-Atlas und einer ‚taz‘-Dokumentation über dem Berliner „Häuserkampf“ Anfang der achtziger Jahre steht.

Früher kamen Würmer und fraßen solche Werke auf. In die formaldehydbehandelten Resopalbehausungen von heute traut sich auch der ausgemergeltste Wurm nicht rein. Also muß man selbst  Hand anlegen. Und ich legte an!

Bilder zwecks Übersichtlichkeit und visueller Auffrischung.

So schwer es mir fiele zu erklären, wie eine Biografie von Adele Sandrock in meine Bestände geraten sein mag, so leicht fiel es mir, das Werk zu beseitigen. Auch die Verabschiedung des Bandes „Moose und Flechten des Harzes“ von 1954 löste in mir keinen Trennungsschmerz aus. Und ein London-Reiseführer voll Schwarzweißfotos, auf denen Autos mit Ersatzreifen auf dem Rücen herumfahren? Weg damit.

Wie ich nun aber Popsongs pfeifenderweise die lästigen Druckwerke in die Tonne tat, kam eine Hausbewohnerin an und meinte, so was könne man doch nicht machen, Bücher wegwerfen. Das sei ein Sakrileg, ob ich denn nicht wisse, was die Araber sagen? Die Araber würden sagen: Ein Buch ist wie ein Garten, den man in der Tasche trägt.“ – „Ach ja, die Araber, die reden viel, weil’s in der Wüste so nackert und unattraktiv ist und es nichts zu gucken gibt“, entgegnete ich.

Na, ich sei ja einer, ereiferte sich die Nachbarin, ob ich denn auch nicht wisse, was Bertolt Brecht gesagt hat. Der habe nämlich gesagt: „Hungriger, greif nach dem Buch. Es ist eine Waffe.“ Und Martin Walser erst mal. Der habe gesagt: „Ein Buch ist für mich eine Art Schaufel, mit der ich mich umgrabe.“ Ich sagte zu der Frau: Ich kenne all diese Sentenzen. Sie stehen ja schließlich  im Duden-Band Nr. 12 ‚Zitate und Aussprüche‘ auf Seite 563/564.“

Anschliessend erlaubte ich ihr, die Bücher wieder aus der Tonne herauszuholen und in ihre Wohnung zu tragen.  Sie meinte, man könne sie ja „weitergeben“ an soziale Projekte oder in der Jugendarbeit einsetzen. Sie sehe da in rauher Menge Möglichkeiten. ich lasse die Dame gerne gewähren, denn ich will nicht bekannt werden als einer, der sich gegen den Einsatz von Adele-Sandrock-Biografien in der Jugendarbeit sperrt.

Bücher gelten in der Weltdeutung bessergestellter Volksschichten als einzige mögliche Steigerung von Hunden. Die Grundform ist der Mensch: ein unzuverlässiger Geselle, der einen nach erloschenem Interesse wegwirft wie eine gebrauchte Aprikose.

Der Komparativ ist der Hund. der ist noch dann ein treuer Kamerad, wenn die sogenannten Freunde sich längst in anderen Betten suhlen. Aber der Superlativ ist das Buch. Dieses ist der wahrste Freund, der geduldigste und verständnisvollste Kamerad.

Selbst wenn der Hund keine Lust hat, mit dir herumzutollen, die Sätze in den Büchern stehen stramm wie Soldaten und sind niemals zu müde, mit dir spielerisch zu raufen, und allzeit bereit, dir zu mehr Reife und Würde zu verhelfen.

Ein Buch trägt dich wie eine verrückte Gratis-Rakete in die Mirakeligsten Gebiete. Selbst wenn du nie selber in Göttingen warst: Liest du ein Buch über Göttingen, schmeckst du das aroma Göttingens wie eine Schneeflocke auf deiner Zunge. Ganz ohne teure Fahrkarte siehst du die blaugekachelte Stadthalle,  ja du kannst sogar die gar nicht mehr existierende Coca-Cola-Abfüllanlage gegenüber dem Auditorium sehen.

Natürlich nur, wenn man das Glück hat, ein Buch zu erwischen, in dem diese Abfüllanlage vorkommt. In einigen Büchern, „Madame Bovary“ z.B., wird sie ignoriert, da kann man sie natürlich auch nicht sehen.

Was genau ist eigentlich ein Buch? Es gibt eine Definition der UNESCO: Ein Buch ist eine nicht-periodische Veröffentlichung von mindestens 49 Seiten Umfang exclusive des Einbands. Es ist sicher nett, was sich die UNESCO so an lauen Sommerabenden zusammendefiniert, aber dass ein Buch generell etwas Bewahrenswertes ist, sagt auch diese Definition nicht.

Auch eine Publikation, wo auf der ersten Seite ein Rezept für Serviettenknödel ist, auf der zweien Seite ein Lob der altchinesischen Frauenfußverstümmelung und auf der dritten eine Anleitung zum Tottrampeln von Zeisigen, ist ein Buch, Hauptsache, es folgen noch 46 weitere Seiten.

Ein solches Buch kann man m.E. kühlen Gewissens dem Erdboden gleichmachen. Doch was riefen die Menschen dann? „Wo man Bücher dem Erdboden gleichmat, da macht man am Ende auch Menschen dem Erdboden gleich!“ würde es tönen, und daß man vor einem Buch einen wahnsinnigen Respekt haben muß. Man hat es zu behandeln wie  ein anvertrautes Kind, d.h., man darf auf keinen Fall Schmalzbrote essen während des Lesens.

Auch schlecht: Brote mit dick Fleischsalat. Nicht viel besser aber leckerer: Schillerlockenbrot. Auch darf man Bücher keinesfalls als Ersatz für fehlende Möbelfüße verwenden.

Seiten rausreißen oder Telefonnummern von Nutten auf den Umschlag schreiben: Auch das wird nicht gern gesehen von Bücherdrachen aus der Stadtbücherei, dem Bücherdrachen mit der Schreckschraubenbrille, die man leicht daran erkennt, dass sie den Bügel unten hat. Unten! Wie Heidemarie Wieczorek-Zeul!

„Heute will ich mal ein Auge zudrücken“, sagt der Bücherdrachen, „aber das nächste Mal schreiben sie doch bitte ihre Nuttentelefonnummern woanders hin.“ – „Ja, und wenn Sie mich das nächste Mal so zur Schnecke machen vor allen Leuten, dann tragen sie bitte eine Brille, die die Bügel oben hat! Oben! Sonst haue ich Ihnen eine rein!“ sagt man daraufhin natürlich nicht. Gottbewahre, man denkt es nicht mal.

Neulich ging ich an einer Buchhandlung vorbei, darin hing ein Foto von einer Schriftstellerin namens Dacia Maraini. Eine Italienerin, schätz ich mal, deren Arbeiten ins Deutsche übersetzt werden. Absurd eigentlich, wenn man bedenkt, was die Frauen bei uns schon zusammenschreiben.

Unter dem Foto ein Satz der Autorin: „Ein Buch zu verlassen ist, als ließe man den besten Teil seines Körpers hinter sich.“ Was soll nur diese ewige aphoristische Bücherverherrlichung? Ein Buch ist dies, ein Buch ist jenes. Haben denn die Leute nichts Besseres zu tun, als sich wohlfrisierte Interviewantworten für Frauenzeitschriften auszudenken?

„Ein Buch ist eine Wolke, auf der man keinen Husten bekommt.“ Das hab ich mir eben blindlin ausgedacht. Ab damit in den Zitate-Duden.

Das Gute am Lesen ist, dass es keinen Krach macht und daß ein Lesender ruhiggestellt ist, daß er nicht herumfuchtelt oder unangenehm kommunikativ wird. Zu behaupten, daß Lesen per se eine besonders edle Beschäftigung sei, ist aber alt und blöde.

Die Beschäftigung mit manch billigem Roman ist doch nur ein schöngeredeter Dämmerzustand. Ein Video über das Leben der Frösche anzuschauen, scheint mir edler zu sein, als ein Buch zu lesen, in dem steht, dass ein Buch eine Schaufel ist.Auch CDs und Kühlschränke bergen oft feinere Inhalte als stinkige Schriftstellerbücher.

Zur Literatur als Gesamtphänomen habe ich ein ähnliches Verhältnis wie zum Theater oder zu Marzipan: Es ist schon okay, dass es so was gibt, ab und zu mach ich auch gern davon Gebrauch, aber, wenn es denn sein müßte, könnte ich auch ohne leben. Unverzichtbar wie Musik ist das alles nicht.

Nützlich sind aber die sogenannten coffe table books. Diese Bücher haben den Zweck, dass der Gast in ihnen blättert, wenn der Gastgeber mal ins Bad verschwinden muß. Man darf sie nicht mit „Kaffetischbücher“ übersetzen, denn wenn Bücher auf dem Kaffeetisch liegen, ist ja kein platz mehr für den Kuchen.

Es sind eher „Beistelltischchenbücher“, in noblen Haushalten sieht man sie, es sind großformatige Prachtbände mit den Blumenbildern von Georgia O’Keefe oder über italienisches Disco-Design der siebziger Jahre oder mit Fotos von Steingärten in den Abruzzen. Mit hübschen Eimern und Gießkannen unter blühendem Rankwerk. Der Gärtner sprach: „Ich will, dass es hier rankt, weil der Ranken mir fromm.“ und es rankte prompt.

Diese Bücher liegen flach auf dem Beistelltischchen, denn die coffe table books betreffende Regel lautet: Nie aufrecht, immer flach. Diese Bücher sind gut, weil man sich als Gastgeber auf dem Klo so richtig Zeit lassen und austoben kann. Man könnte sogar in die Stadt fahren und fragwürdige Bekanntschaften schließen.

PS: In den USA gibt es eine Glühbirne, die seit hundert Jahren brennt. Sie ist eine Touristenattraktion. In meinem Badezimmer habe ich eine ähnlliche Sensation, nämlich einen Saughaken, der seit über drei Monaten an der Tür klebt, obwohl er einen schweren Bademantel trägt. ich würde diesen Superstar unter den Saughaken gern in die Weltkulturerbe-Liste der UNESCO eintragen lassen, aber ich habe die Adresse nicht.

Advertisements

Written by vetaro

18. März 2009 um 8:21 pm

Veröffentlicht in Realität, Uncategorized

Tagged with , , , , ,

3 Antworten

Subscribe to comments with RSS.

  1. Der schreibt so geil. 😀

    -bloodberry-

    20. März 2009 at 9:53 pm

  2. […] stellt sich aber heraus, dass Max Goldt ein Medienhermaphrodit ist. Seine Texte sind einfach nicht so. Natürlich beginnen und enden sie, aber das ist etwas anderes. Mir ist auch, […]

  3. Vielen Dank! Die UNESCO kennt sich eben aus mit die Kultur. Herr Goldt kann ganze Wüsten in nur einem Wort beschreiben.

    angela

    25. Oktober 2012 at 12:57 pm


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: